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Die moderne Auffassung des Tragischen

Full text: Berliner Kämpfe / Schlaikjer, Erich (Public Domain)

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Wie sehr das erhebende Moment in dem Er— 
kennen der naturgesetzlichen Notwendigkeit liegt, 
läßt sich indirekt beweisen, indem man statt der 
vernichtenden Urankheit einen Mörder in die Novelle 
einschaltet: es bleibt dann eine einfache Verbrecher⸗ 
geschichte zurück, weil unser Gefühl in dem Zu⸗ 
fälligen eines Mordes nichts Versöhnendes zu 
finden vermag. Und wie sehr der Dichter, wenn 
auch unbewußt, in seinem Schaffen von den soeben 
dargelegten Gedanken beherrscht wurde, läßt sich 
aus einem zweifachen Umstand erkennen. Er hat 
einmal sorgfältig vermieden, uns Näheres über 
herkunft, Natur und Namen der Krankheit mit⸗ 
zuteilen; das ganze Sterben der Bauernfrau ist 
mit einem gewissen geheimnisvollen Dunkel um— 
woben, wodurch selbstverständlich das Individuell—⸗ 
Unverschuldete ihres Todes und damit das rück—⸗ 
sichtslose Walten der Naturgesetze in unserem 
Bewußtsein nur umso stärker lebendig wird. Und 
er hat zweitens mit außerordentlich feiner Ironie 
seine Novelle in den Satz ausklingen lassen: „Die 
Gnade des Herrn ist über alle Maßen.“ Wenn 
dieser Satz aus seiner ironischen Umkehrung in 
direktes Deutsch übertragen würde, müßte er un— 
gefähr lauten: „Der Wille des Herrn kann auf 
uns arme Menschen nicht die geringste Rücksicht 
nehmen“, was offenbar nur ein negativer Aus⸗ 
druck für das rücksichtslose Walten der Gesetze wäre. 
Unsere Auslegung hat der Novelle in der
	        
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