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Text IV.

Full text: Dr. Richard M. Meyer, Privatdozent an der Universität Berlin, ein litterarischer Ehrabschneider / Holz, Arno (Public Domain)

seine „Missgeburt von alten Eltern?“ „Schwerlich“, Herr Meyer, 
ist es „jemals“ selbst einem Litterarhistoriker von Ihrer Güte gelungen, 
sich so zu verhaspeln! 
„Fast ganz so steht es mit dem naturalistischen Drama 
von Holz und Schlaf.“ Und nun, da Herr Meyer hier mal 
ausnahmsweise nicht blos mit der Behauptung protzt, folgt 
der Beweis. 
„Die Verfasser haben einfach die alte Technik des Lokalstücks 
für einen tragischen Stoff benutzt.“ 
Sie irren, Herr Meyer, Das ist kein Beweis, sondern wieder 
nur eine neue Behauptung. Um sie in einen Beweis zu verwandeln, 
hätten Sie die „alte Technik des Lokalstücks“ erst aufzeigen und dann 
darlegen müssen, wie die Anwendung dieser Technik auf den Stoff 
der „Familie Selicke“ deren Form ergeben hätte. Sie waren vor- 
sichtig genug, von dieser Operation Ihre sonst so gewandten Finger 
zu lassen. Sie wussten zu gut: diese Finger wären Ihnen sonst 
unter Ihrem eigenen Messer in Fetzen gegangen! 
„‚Es war,‘ sagt Arno Holz in seinem Vaterstolz, ‚als wenn man 
aus dem Fenster in die Wirklichkeit blickte.‘“ 
Wenn Sie, Herr Meyer, mich schon zitiren, noch dazu in 
Gänsefüsschen, so zitiren Sie mich wenigstens richtig. Der be- 
treffende Satz bei mir hatte gelautet: „Mit kleinen, völlig absichts- 
losen Studien direkt nach der Natur, ohne uns sozusagen um Gott 
und die Welt zu kümmern, hatten wir angefangen und schliesslich 
mit der ‚Familie Selicke‘, durch die man in ein Stück Leben wie 
durch ein Fenster sah, aufgehört.“ Und an der betreffenden Stelle, 
„Zukunft“ vom 17. Juli 1897, hatte es dann weiter gelautet: „Der 
Erste, der zu uns stiess, der in alle unsre Arbeiten Einblick erhielt, 
noch ehe wir sie in die Oeffentlichkeit gaben, war Gerhart Haupt- 
mann. Wir rissen ihn aus einem Roman, an dessen Niederschrift 
er noch Jahre setzen wollte, und als Resultat, bereits in kürzester 
Frist, war ‚Vor Sonnenaufgang‘ entstanden, oder vielmehr, wie es 
ursprünglich hiess — der neue Titel, der das Drama nicht mehr so 
greil in die leider noch immer vorhandene Tendenz rückte, stammte 
von uns — ‚Der Sämann‘. Wie schnell die Bewegung dann weiter 
um sich griff, ist bekannt. Schon im Spätsommer 1891, im Vor- 
wort zu den von meinem Freunde Johannes Schlaf und mir gemein- 
sam herausgegebenen ‚Neuen Gleisen‘, die unsre Arbeiten gesammelt 
brachten, durften wir schreiben: ‚Kein Homunkulus war unsrer Re- 
torte entschlüpft, kein schwindsüchtiges, bejammernswerthes Etwas, 
dessen Lebenslicht man nicht erst auszublasen brauchte, weil es von 
selbst ausging, sondern eine neue Kunstform hatten wir uns erkämpft,
	        
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