Path:
Berliner Leben Wien und Berlin

Full text: Berliner Leben / Leipziger, Leo (Public Domain)

26 
Des Spielgewinnes gold'ne Lorbeerreiser 
Pflückt' kein Verweg'ner noch in unser'm Staak, 
Für Spielgewinn kauft hier sich Niemand Häuser, 
Noch etwa gar ein Adelsprädikat. 
Durch Kartenglück den Nächsten ruiniren, 
Und daraus geh'n als Ehrenmann hervor ... 
Das kann fürwahr nicht — an der Spree passiren. 
Das kommt ja höchstens — an der Donau vor. 
So lauschen wir, wie unbekannten Tönen, 
Der Kavaliere unerhörtem Streich, 
Dem Ecarté, dem Poker gar zu fröhnen, 
Sind die Berliner viel zu tugendreich. 
Das wüste Spiel wird nimmerdar passiren 
Mit wildem Tanz das Brandenburger Thor ... 
Und so was kann nicht — an der Spree passiren, 
Das kommt ja höchstens — an der Donau vor! 
Mein 286 
P 
41lender. 
An einer Wand hängt traurig mein Kalender, 
Der vorwurfsvoll mir stumm ins Auge sieht, 
Weil ich gleich einem üppigen Verschwender 
Ihm täglich raubte langsam Glied um Glied. 
Ich riß ihm ab die allerbesten Seiten, 
Die schlechten auch — das war nicht sein Geschmact — 
Er wurde dünn, es ist nicht zu bestreiten, 
Und sein Skelett ist heut': — der letzte Tag. 
Des Frühlings Düfte und des Sommers Gluthen 
Zeigt' er mir an mit liebevollem Wink, 
Und meine Augen zärtlich auf ihm ruhten, 
Zur Herbsteszeit, als ich auf Urlaub ging. 
Nun ward er alt; der Arme liegt im Sterben, 
Sylvester naht, ich bin im schwarzen Frack; 
Das letzte Blatt bedeutet sein Verderben, 
Und er verschwindet — wie sein letzter Tag. 
Schon liegt sein Erbe, fertig zum Gebrauche, 
Auf meinem Tisch; er schielt zu mir herauf, 
Und wohlgenährt mit seinem dicken Bauche 
Bläht er sich stolz als homo novus auf.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.