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Drittes Capitel. Theater

Full text: Heinrich von Kleist's Berliner Kämpfe / Steig, Reinhold (Public Domain)

222 VDrittes Capitel. 
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müssen, daß man die Fackel der Untersuchung in ihr Allerheiligstes hin— 
eintrage; doch weit entfernt, uns durch Persiflagen dieser Art, deren 
unreine Quelle nur zu sehr am Tage liegt, irre machen zu lassen, so soll 
dies nur ein Grund mehr sein, die Thür unseres kleinen freundlichen Tempels 
(oviel es sein kann) vor ihrer unberufenen, zudringlichen und leichtfertigen 
Fackel zu verschließen. Zu einer Zeit, dünkt uns, da alles wankt, ist es 
um so nöthiger, daß irgend etwas fest stehe: und wenn es der Kirche, nach 
der sublimen Divination dieser Herren, (welches Gott verhüten wolle!) 
bestimmt wäre, im Strom der Zeiten unterzugehen, so wüßten wir nicht, 
was geschickter wäre, an ihre Stelle gesetzt zu werden, als ein National— 
theater, ein Institut, dem das Geschäft der Nationalbildung und Ent— 
wickelung und Entfaltung aller ihrer höhern und niedern Anlagen, Eigen— 
thümlichkeiten und Tugenden, vorzugsweise vor allen andern Anstalten, 
übertragen ist. 
Berlin, d. 20. Nov. 1810. 
N.S. Gestern sahen wir hier Pachter Feldkümmel; in Kurzem 
werden wir wieder Vetter Kukkuck und vielleicht auch Ro chus Pumper⸗ 
nickel sehn. 
Das Ganze, in seiner Dreigetheiltheit, ist die vollendete 
Verhöhnung Iffland's in Formen, die das Gegentheil davon 
zu besagen scheinen, und dieser Augenverblendung dient von 
vornherein die Vorbemerkung. Man bemerke nun, wie Kleist 
zuerst, von Iffland's Gestaltung der Berliner Bühne 
sprechend, so die Worte wählt, daß sie, völlig neutral, an sich 
weder Lob noch Tadel kund thun: trotzdem aber seine und 
seiner Freunde Gegnerschaft grell zum Ausdruck bringen. Den 
Kritikern der Vossischen Zeitung wird so dann doch Annahme 
von Gefälligkeiten Seitens der Theaterdirection und pecuniäres 
Interesse nachgesagt. Drittens: für Iffland sei Kritik eigent— 
lich überflüssig. Viertens: Iffland benehme sich als Theater— 
pabst, er sei unfehlbarer noch als der Kirchenpabst, Iffland's 
Nationaltheater könne ja eventuell an die Stelle der Kirche treten. 
Die geistige Nahrung (sagt grausame⸗ironisch die Nachschrift), 
die dann das Volk zu genießen bekäme, wären — die drei
	        
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