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Dramatische Entwürfe

Full text: Gutzkow-Funde / Houben, Heinrich Hubert (Public Domain)

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Feind, den Galiläer, dessen tötliche Stelle er nicht finden kann 
und dessen Macht er sich selbst verfallen fühlt. Der Cäsaren— 
wahnsinn bricht in hellen Flammen aus; und wie König Lear 
in Nacht und Gewitter umherirrt, so stürzt Julianus sich in 
den wilden Sturm der Ereignisse. Mit der beängstigenden 
Sicherheit eines Nachtwandlers schreitet er daher, in irrsinniger 
Verblendung bereitet er sich selbst den Untergang und im An— 
gesicht des Verderbens noch spricht er das stolze Wort: „Es 
ist mein Wille, lange zu leben“, bis er mit dem Geständnis: 
„Du hast gesiegt Galiläer!“, das sich wie eine Erlösung von 
seinen Lippen ringt, von Mörderhand getroffen zusammensinkt. 
Julian wird so der Träger zweier Weltanschauungen, die 
sich ihrer Natur nach bekämpfen müssen; die jugendkräftige 
neue schlägt die morsche alte zu Boden. Gegen dieses historische 
Gesetz ist der Menschenwille machtlos. Mit unwiderstehlicher 
Gewalt wird das Alte von der Flut hinweggerissen und zum 
Wrack zerschlagen. Ibsens Werk ist eine Schicksalstragödie, 
freilich nicht im Sinne Müllners oder Houwalds, die das eherne 
Walten des Schicksals, das den Menschen erhebt, indem es den 
Menschen zermalmt, in tausend nebensächliche Zufälligkeiten 
auflösten. Obgleich auch in „Kaiser und Galiläer“ Träume 
und Wunderzeichen vielfach ausschlaggebend mitwirken, ist das 
Stück eine Schicksalstragödie im antiken Sinn. Schicksal und 
Weltordnung sind Eins und bilden eine Gewalt, an der mensch⸗ 
liche Kraft rettunglos zersplittert. 
Das Motiv des Wahnsinnes lag nun Gutzkow ganz fern. 
In seinem letzten Buch, der hitzigen, rücksichtlosen Streitschrift 
„Dionysius Longinus“ sagt er: „Julianus Apostata war ein 
großer Charakter und keineswegs der Narr, den ein wunder⸗ 
licher Einfall, den unser David Friedrich Strauß vor Jahren 
in einer Broschüre, aufrichtig, ohne Witz und mit viel Behagen, 
über ihn breitschlug, aus ihm machen wollte.“ Er hat sich 
denn auch die Mühe gegeben, als Entgegnung auf die straußische 
Schrift in einem Essai, der zuerst im Jahrbuch der Schiller—
	        
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