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Zur Aufführung des "Uriel Acosta". Dramaturgische Skizze

Full text: Gutzkow-Funde / Houben, Heinrich Hubert (Public Domain)

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Der Dichter sagt darüber: „Die Scene zwischen Uriel und 
dem Bruder erfordert mehrmaliges Proben und muß also 
präzis gehen. Der Darsteller des Uriel darf hier im Spiel 
nicht bloß Kräfte sammeln für das folgende, sondern wie 
eine selbst im Stillstand brausende geheizte Lokomotive dam⸗ 
pfen und wüten“. Vor allem muß die Seene sehr schnell 
gehen; es fällt Ruben nicht leicht, Uriel die beiden furchtbaren 
Nachrichten zu bringen; es heißt in späteren Auflagen aus— 
drücklich zu Anfang der folgenden Scene „Ruben (kämpft mit 
sich, die Wahrheit zu sagen)“. Wird dies im Spiel nicht wäh— 
rend der ganzen 3. Scene markiert und geht dieselbe auch 
nicht so schnell, daß dem Bruder schlechterdings kaum Zeit ge— 
lassen wird zu seinen Mitteilungen, dann ist sie völlig unwahr. 
Je größer die Bühne, desto besser, und je früher Uriel von 
Ruben fort sich dem Hintergrunde zu bewegt, desto eher glau— 
ben wir an die Möglichkeit des Vorgangs. Wenn aber der 
Darsteller des Uriel lange in unmittelbarer Nähe Rubens ver— 
bleibt, hier mit aller Gemütsruhe deklamiert und ohne Eile, 
dann fragt sich jeder: Weshalb redet denn Ruben nicht? Er 
hat doch Zeit dazu! Nein, diese Scene muß gehen wie ein 
Wasserfall und Uriel muß halb im Wahnsinn, der Rubens 
Worte kaum vernimmt, wie ein Selbstmörder sich in den 
Hintergrund stürzen und so auch die Estrade hinaneilen. Seine 
fast krankhafte Heftigkeit und Hast ist ja das Einzige, was Ru— 
ben am Reden verhindert und sobald Uriel oben ist, müssen die 
dort weilenden Rabbinen ihn so umringen, daß für Ruben 
keine Möglichkeit mehr bleibt, zu ihm zu dringen. 
Auch Ruben hat eine Entwickelung durchgemacht, wenn 
sie auch nur in schwachen Umrissen in die Erscheinung tritt, 
und er ist sich der Schuld bewußt geworden, die er durch Ein— 
wirkung auf Uriels Entschluß auf sich geladen. Auch über ihn 
kommt zum Schluß dieser Scene ein wenig von dem Helden— 
mut seines Bruders, er eilt hinaus, die Schande Uriels zu 
verhindern: „Ihr schändet keinen oder mich mit ihm.“
	        
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