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Entstehungsgeschichte des "Uriel Acosta"

Full text: Gutzkow-Funde / Houben, Heinrich Hubert (Public Domain)

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liert er einen Teil seines eignen Selbst. Judiths Besitz war 
es ja, der ihn mit Mut und fröhlicher Begeisterung entflammte. 
Alles, was der wieder eingezogene Liebesfrühling so zukunfts— 
voll hatte aufkeimen lassen, den Glauben an sich, an seine 
Kraft und sein ehrliches Wollen, und den fröhlichen Wagemut, 
der allen Anfeindungen ruhig lächelnd entgegensah, alle diese 
jungen Blüten stehen jetzt da erstarrt und getötet vom plötzlichen 
Winterfrost. 
An Judiths abermalige Untreue denkt er nicht so sehr, 
als an den Grund hierzu und in seiner Unklarheit stempelt 
er sich selbst wieder zum allein Schuldigen. Er allein ist der 
Verderber seines Glückes gewesen! Er hat an ihre Liebe über⸗ 
mäßige Anforderungen gestellt, denen ihre weibliche Schwäche 
nicht gewachsen war. Er hat ihr eine schöne Welt mutwillig 
zertrümmert, ohne ihr eine bessere in sonniger verheißungs⸗ 
voller Ferne zeigen zu können. Ja zu können! Dies Wort 
krallt sich jetzt wieder grausam um seine Seele. Das Bewußt⸗ 
sein seiner Ohnmacht reißt ihm alle schönen Träume nieder. 
Und aus den Trümmern ringeln sich wieder die Schlangen 
des Zweifels empor, die er erstickt zu haben glaubte. 
In einem solchen Augenblick der Verzweiflung trifft ihn 
Jochai; so vollständig besinnungslos ist Uriel durch diese innere 
Qual, daß er seinen Vetter, für dessen Hinterlist und Verrat 
er Beweise hat, wie seinen besten Freund um Rat bittet. 
Wiederum weiß Jochai die Schwäche seines Nebenbuhlers, 
wie früher im Affekt übergroßer Freude, jetzt in dem Augen⸗ 
blick maßlosen Schmerzes, schlau zu benutzen. Er entschuldigt 
Judiths Benehmen mit ihrer übergroßen Liebe zu Uriel und 
der Schwäche ihres Geistes, der unter der Last der großen 
Gedanken zusammensinke. Mit scheinbarer Teilnahme aber 
verhehlt er ihm nicht, daß die Wiederholung des Bannfluches 
am folgenden Tage bevorstehe und, wenn sie wirklich erfolge, 
den Verlust Judiths unwiederbringlich machen müsse. Nur 
ein Ausweg stehe offen, die Umgehung des erneuerten Bann⸗
	        
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