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Karl Gutzkow und das Judentum

Full text: Gutzkow-Funde / Houben, Heinrich Hubert (Public Domain)

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In der Form, in der Gutzkow in jenem Nekrolog das 
Problem Charlotte Stieglitz versinnlicht, sehen wir schon den 
Charakter der Wally sich abzeichnen; Theodor Mundts „Denk— 
mal“ für die Tote, das Gutzkows Vorstellungen von ihr etwas 
verschob, war damals noch nicht erschienen. Das äußere Er— 
eignis wandelt sich so unbeeinflußt schon um zur Schöpfung 
des Dichters. „Wenige nur ahnen es, daß hier eine ungeheure 
Kulturtragödie aufgeführt ist, und die Heldin des Stücks bis 
auf den letzten Moment für zurechnungsfähig erklärt werden 
muß vor dem Tribunal einer Meinung, die die Wehen unserer 
Zeit versteht . .. Das erste Motiv des tragischen Aktes ist auch 
hier die Liebe ... eine Liebe, die sich an großen Thatsachen er⸗ 
wärmt, ... welche für beide Theile des Bandes gemeinschaftlich 
waren, auf eine Weltansicht stüzt, auf wechselseitige Zulänglichkeit 
und auf das Lebensprinzip des Wachsthums und des Erkennt⸗ 
nisses . .. Charlotte hatte vor dem Todesstoße in Rahels 
Briefen gelesen. Rahel wollte keine Resultate, sie ergab sich 
nur dialektischen Umtrieben, dem Genuß, die Dinge von einem 
ihr nicht angeborenen Standpunkt anzusehen: Rahel zog, wie 
Lessing, das Suchen der Wahrheit selbst vor. Charlotte kannte 
diese Resignation des Gedankens nicht ... Rahel war Negation, 
Brillantfeuer, Skeptizizsmus und innerer Geist. Sie nahm 
keinen Gedanken auf, wie er ihr gegeben wurde; sondern 
wühlte sich in ihn hinein, und zerbröckelte ihn in eine Menge 
von Gedankenspähnen, welche immer die Form des Geistreichen 
und ein Drittel von der Physiognomie der Wahrheit hatten. 
Rahel unterhandelte mit dem Gedanken: sie war kein Weib 
der That: wie kann sie Selbstmord lehren! Charlotte war 
Position, dichterisch, gläubig und immer Seele. Sie beugte 
sich vor den Riesengedanken der Zeit und der Thatsache, und 
ihr Geist fing erst da sich zu entfalten an, wo es galt sie zu 
ordnen. Charlotte war System: und weil sie nicht Alles 
kombiniren konnte, was die Zeit brachte, so blieb ihr nichts 
übrig als ihr großer, starker, göttlicher Wille.“
	        
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