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Karl Gutzkow und das Judentum

Full text: Gutzkow-Funde / Houben, Heinrich Hubert (Public Domain)

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erwähnen. Man hat sie für den Landbewohner recht als die 
Boten der Hölle geschildert, die mit Mephistopheles, dem Seelen⸗ 
fänger, in nächstem Akkord ständen. Von seiner Vaterstadt 
kann der Knabe so grelle Jugendbilder nicht heraufbeschwören. 
Der Jude ist wohl dem Kinde früh ein Wort des Schrecens; 
nähert er sich aber, selbst im Barte, der früher noch öfter in 
der Spandauer-, Bischof-, Jüden-, Kloster- und Münzstraße ge⸗ 
tragen wurde, und das Kind hält Stand und wechselt die 
Hand und einige Worte des Vertrauens mit dem Juden, so 
gewinnen die blitzenden Augen, die scharfen bestimmten Mienen 
des Antlitzes, die wohlklingenden Akkorde der Betonung jedes 
Kind für den seltsamen Freund. Der bärtige Mann steht, das 
ist wahr, dem Kinde in unmittelbarer Deszendenz von den 
„Jüden“, die den Heiland kreuzigten, und des Guten möchte 
man sich von dem lauernden scharfen Blicke nicht eben viel 
versehen, noch weniger in seiner Christen-Herrlichkeit begreifen 
können, daß ein Getaufter mit solchem Völkerüberbleibsel auf 
einer und derselben Menschheitsstufe stände. Aber ein freund— 
licher Gast wird der Jude doch. Er bringt Schalkhaftigkeit 
im Gespräche mit, Neuigkeiten, Wunder aus der Welt, er frägt 
so beflissen nach den Fortschritten in der Schule und spricht 
so liebevoll von seinem eigenen Jungen, der gerade so groß 
wäre wie der da, und das nächste Mal woll' er ihn mitbringen. 
Freilich wenn er ihn mitbringt, ist die Art doch eine sehr andere. 
Der kleine Moses ist gar verstimmt, gar verdrießlich, frägt 
vorwitzig, fäßt alles an, kennt keinen Respekt und macht dem 
Vater zu schaffen, der an seinem Moses etwas zu tadeln oder 
zu strafen niemals in Versuchung kommt und doch auch will, 
daß Moses bei den Leuten, wo der Vater handelt, einen guten 
Eindruck hinterläßt. Früh bemerkt der Christen-Knabe, daß 
sich die Juden, selbst die ärmsten und ihre Kinder vollends, für 
vornehmer halten als die Christen, selbst wenn sie den Christen 
schmeicheln. Es ist keine Täuschung, wenn die Christen klagen, 
daß sich die Juden für das auserwählte Volk Gottes halten.
	        
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