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Molières "Tartüffe" und Gutzkows "Urbild des Tartüffe". Eine antikritische Studie

Full text: Gutzkow-Funde / Houben, Heinrich Hubert (Public Domain)

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ins Gefangenhaus gegangen und teile dort den Armen sein 
bischen Armut aus ... Jetzt erblickt der Scheinheilige mich. 
Er fährt mich an, weidet sich dann aber an meiner Schönheit — 
wirklich an meiner Schönheit — die Schönheit steht in meiner 
Rolle vorgeschrieben — was will Sie? frägt der Scheinheilige. 
Ich stottere, und meine Verwirrung benutzend, zieht er sein 
Taschentuch ... und wirft mir dies Taschentuch auf meine 
Schultern ... Er sagt ...: 
Mein Gott im Himmel, weh, das ist nicht zu ertragen; 
Ach nehme Sie, bevor Sie redet, dieses Tuch! 
Darauf sage ich: Wozu? Darauf er: 
Bedecke Sie damit, o Sinnestrug, 
Den sünd'gen Busen sich; denn leicht erkranken 
Macht dies die Seele sonst durch sündige Gedanken. 
Nun wirft er mir, halb von mir abgestoßen, halb zu mir 
hingezogen, das Tuch zu.“ 
Ergänzt wird dieser Bericht noch durch eine Stelle in der 
6. Scene des 1. Aktes, wo Madeleine als Dorine auf La⸗ 
moignons Frage: „Was will Sie? Wer ist Sie?“ zu ant— 
worten hat: „Ihnen sagen. —“ Dies „Vous dire ...“ 
der Dorine im echten Molièreschen „Tartüffe“ hält Gutzkow 
durchaus nicht für ein ängstliches Stottern aus Befangenheit, 
wie Lindau meint. Aber in dem veränderten„Tartüffe“, den 
das „Urbild“ voraussetzt, ist Dorine eben keine alte robuste und 
wenig peinliche Dienstmagd, sondern ein junges Kammermädchen, 
für dessen Rolle die Schönheit vorgeschrieben ist. Daher wäre 
es durchaus natürlich, wenn das junge Mädchen bei Tartüffes 
rauher Anrede in Verwirrung geriete. Die folgenden derben 
Worte der Dorine im richtigen „Tartüffe“ sind für diese 
neue Dorine absolut nicht maßgebend und Gutzkow hat die 
Seene mit gutem Bedacht geändert. 
Lindaus Gewissenhaftigkeit sei noch von anderer Seite 
illustriert. In einer „Nachschrift“ zu jener Kritik hält er seine 
Behauptungen alle aufrecht. Er hat nämlich die neue Be—
	        
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