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Greifswalder Oie

Full text: Streiflichter aus meinem Leben am deutschen Hofe, unter baltischen Fischern,und Berliner Sozialisten und im Gefängnis, einschließlich "Ein Daheim in der Fremde" / Schimmelmann, Adeline von (Public Domain)

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Adeline Gräfin Schimmelmann. 
für Erziehungsanstalten zu alt, dennoch der Erziehung bedürftig 
waren. Die Idee erwies sich als praktisch, obgleich ich gestehen 
muß, daß es unendliche Geduld erforderte. Ich habe über ein 
Dutzend dieser Knaben in der Seemannsstube gehabt und die 
meisten schlugen gut an. Um diese Zeit kaufte ich meinen Kutter, 
die „Taube“, um uns Proviant zuzuführen, und zur Erleichterung 
meiner Besuche in den Dörfern. Auch benutzte ich ihn als eine Art 
Erziehungsschiff für Knaben, unter einem zuverlässigen Steuermann, 
Meine Jungen waren in vielen Fällen wild und schwer zu 
regieren, aber wenn ich erst einmal ihr Vertrauen, ihre Dankbar⸗ 
keit und Liebe gewonnen hatte, dann war es mir auch möglich, 
sie zu erziehen. Wenn die Liebe Christi in Wort und Werk ge— 
lehrt wird, dann ist sie eine Macht, die auch wilde Herzen be— 
sänftigen und bezähmen kann. Die meisten von „meinen Jungen“, 
wie sie genannt wurden, hatten keine andere Heimat und selbst 
wenn sie später auf Urlaub gingen oder ohne Stellung waren, 
kamen sie zu mir zurück. 
Ich erzog sie meist für die Marine auf Kriegs- und Handels- 
schiffen, und gab ihnen so Gelegenheit, ein neues Leben anzu— 
fangen. Doch fühlte ich mich betroffen, als einst einer sagte: „Ich 
will mich nicht ganz bekehren, weil Gräfin dann gleich sagen 
wird: „Bitte mach Platz für den nächsten, der bekehrt werden soll!“ 
und dann ist's mit „Heim und Mutter“ wieder vorbei.“ Da 
fühlte ich, daß wenn ich einmal angefangen hätte bei einem hei— 
matlosen Herzen eine „Mutter“ zu sein, ich nicht wieder davon 
lassen dürfte. 
Darum habe ich versucht, mit den einzelnen in Berührung 
zu bleiben, und meine Thür steht ihnen offen, wo immer ich bin, 
wenn sie von ihrer Wanderung im Leben glücklich oder reuig zu 
mir zurückkehren. Es ist kein leichtes um solch ein Unternehmen, 
aber ich verstehe, daß ein menschliches Leben, welches aus einer 
erniedrigenden Umgebung emporgezogen ist, der Geduld vieler 
Jahre bedarf, um völlig von den Spuren der Sünde befreit zu 
werden. 
Wenn man einen solchen Knaben bewegen kann, aufrichtig zu 
werden, dann ist Grund zu bester Hoffnung vorhanden und er 
wird bald seine Laster abthun. Die äußere Ungeschliffenheit kann
	        
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