Path:
I. Aus meinen Akademikerjahren

Full text: Aus der Heimat und der Fremde / Pietsch, Ludwig (Public Domain)

— 18 
felder den Auftrag, ein zweites Bild aus der älteren Ge— 
schichte Danzigs dafür zu malen. Ganz der oben ge— 
schilderten Zeitströmung entsprechend, wurde die darzustellende 
Szene aus der Zeit der Einführung der Reformation in 
der polnischen Reichsstadt gewählt. Diese Wahl fußt auf 
einem von der Überlieferung legendarisch ausgeschmückten 
Vorgang: Die Befreiung des lutherischen Predigers Pan— 
kratius Klein durch einen Volksaufstand aus der Gewalt 
des Bischofs von Kulm. Der auf dem Langen Markt zu— 
sammengerotteten, bewaffneten Volksmenge höhnisch zurufend: 
„Da habt ihr euren Abgott“, soll er dann den in der 
bischöflichen Residenz gefangen gehaltenen Reformator ent— 
lassen haben. 
An den mit diesem beauftragten Maler war ich von 
Danzig aus empfohlen worden. Er arbeitete in einem 
Atelier, das in dem letzten Hause am südlichen Ende der 
Artilleriestraße lag. Dort suchte ich ihn auf. Ich fand 
den damals ungefähr 28jährigen Künstler, einen Herrn von 
kleiner, zierlicher Gestalt mit schnellen, lebhaften Bewegungen 
und mit einem von aschblondem, vollem Haar umwallten, 
schnurrbärtigen Antlitz vor seinem, in dem Atelierraum 
riesengroß an Umfang erscheinenden Gemälde, das sich be— 
reits der Vollendung näherte. Ein bißchen modern 
theatermäßig wollte mir die ganze Komposition und nicht 
minder die Kostümierung wohl erscheinen. Alle Gestalten 
waren zu so regelrechten Gruppen geordnet, wie man ein 
lebendes Bild stellt. Die aufständische Volksmenge bestand 
aus meist sehr sauber angezogenen und gewaschenen Männern. 
Auch die hübschen Bürgerfrauen, und Mädchen (unter diesen 
auch des Künstlers Braut) durften in ihr nicht fehlen. Der 
auf dem Beischlag des hohen Giebelhauses stehende Bischof 
war in Stellung und Bewegung ganz theatralischer Pathos. 
Pietsch. Aus Heimat und Fremde
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.