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IV. Die Gymnasialzeit 1852-56. Weimar

Full text: Eine Selbstbiographie / Koch, Robert (Public Domain)

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Doch machte ich nicht viel dergleichen Gelage 
mit, sondern ging schon damals meinen eigenen 
stilleren Weg. Ich hatte Gefallen am Zeichnen und 
besuchte daher — auf dem Gymnasium war kein 
Zeichenunterricht — die vortreffliche öffentliche 
Zeichenschule der Stadt, welche leider von. Gym- 
nasiasten so gut wie gar nicht benutzt wurde. An 
der ersten Klasse war Prof. Fried. Preller, der be- 
rühmte Odyssee-Maler, Lehrer und da dieser einiges 
Talent in mir entdeckte, so nahm er mich in sein 
eigenes Atelier auf. Hier habe ich glückliche Stunden 
verlebt! Und ich bewahre noch heute die dort an- 
gefertigten, von seiner Meisterhand corrigirten 
Studien ehrfurchtsvoll auf. Preller war eine derbe, 
aber biedere und echte Künstlernatur. 
Auch das Kupferstichcabinet im Witthumspalais 
habe ich fleissig besucht. Sonntags aber ging ich 
gewöhnlich ‘zur Bürgermeisterswittwe Schwabe, 
meines Schwagers alter würdigen Mutter, die ’eine 
grosse Verehrerin Schillers war, lieh mir von ihr 
einen Band seiner Werke und las und excerpirte 
diesen eifrig die Woche über. 
Zum Theaterbesuch langte die Kasse selten, 
doch sah ich u. A. die vortreffliche Marie Seebach 
als Gretchen und Clärchen, und hörte in der Oper, 
die Franz Liszt, der grosse Wagnerfreund, dirigirte, 
von den damals. noch ziemlich unbekannten Wagner- 
schen Opern den Tannhäuser und Lohengrin. Der 
Enthusiasmus für Wagner’sche Musik war damals 
in Weimar gross. Die Tannhäuser-Ouverture konnte 
man häufig von Strassenjungen pfeifen hören, und 
einer meiner Mitschüler, ein musikalischer Bauern- 
Sohn, machte sich sogar eines Tages heimlich nach
	        
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