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III. Gedichte

Full text: Neue Kunde zu Heinrich von Kleist / Steig, Reinhold (Public Domain)

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Phantastische aus, indem es in der Drachen-Strophe die 
uralten deutschen Drachensagen wie etwas ganz natür⸗ 
liches hereinzieht. Kleist's sichtbares Behagen an seiner 
Thiermenagerie steigert sich in der Fuchsstrophe bis zu 
dem Grade, daß sie fast den strengen inneren Fortgang 
des Gedichtes stört; denn der Fuchs ist ja nicht ausge— 
rottet, sondern darf officiell gewissermaßen dasein, wenn 
auch nicht mehr in der alten Ungebundenheit. Wie er— 
klären sich diese Dinge? 
Bei Kleist gewahren wir von Anfang an ein sehr 
intimes Verhältniß zu allem was Thier heißt. Als 
märkischer Edelmann, dessen nächste Verwandte Güter auf 
dem Lande besaßen, war er mit den Thieren des Hauses, des 
Feldes und des Waldes vertraut, und wußte als Dichter 
diese Vertraulichkeit poetisch auszunutzen. In allen 
seinen Dichtungen, von der ersten bis zur letzten, treffen 
wir aus dem Thierleben hergenommene Bilder und Ver— 
gleiche. Nicht blos aus dem wirklichen Thierleben aber, 
sondern auch aus dem phantastischen der Thiersage. Ich 
erinnere an den kranken Löwen im Robert Guiskard, an 
Kleist's Bearbeitung der Lafontaineschen Fabeln Les 
deux pigeons (Gedicht) und Les animaux malades de 
la peste (in dem Aufsatz über die allmähliche Ver— 
fertigung der Gedanken beim Reden). Es sind dies 
wenige Beispiele für viele. Wenn Kleist aber für La— 
fontaine's Thierfabeln Vorliebe zeigt, dann können wir 
getrost ansetzen, daß er ebenso Goethe's „Reineke Fuchs“ 
in sich aufgenommen hatte, und warum sollte ihm nicht 
Gottsched's „Reineke der Fuchs“ bekannt gewesen sein. 
Das waren Werke, die jeder junge Literat damals ge— 
lesen hatte; und von Kleist ist eine ganz ungeheure
	        
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