Path:
Briefwechsel zwischen Schiller und Wilhelm von Humboldt

Full text: Briefwechsel / Schiller, Friedrich (Public Domain)

15. 18. August 1795. 
77 
fatal wäre, so etwas zu schreiben und zu lesen. Ich bin 
ziemlich wohl. Möchte ich bald dasselbe von Ihnen hören! Tau— 
send Grüße an Lolo. Li umarmt Sie beide. H. 
Der Brief aus Crefeld ist göttlich. Der Verfasser muß 
„ van der Leyen heißen. Es giebt sonst niemand in dem Nest. — 
Was mache ich mit den 55 Louisd'or wenn ich sie bekomme? 
15. Humboldt an Schiller. 
18. August 95. 
Die Macht des Gesanges und der Tanz sind Ihnen 
o meisterhaft gelungen, lieber Freund, und vorzüglich hat die 
erstere einen tiefen Eindruck auf mich gemacht. Die Idee, wie 
die Ausführung ist die Frucht einer wahrhaft lyrischen Stim— 
mung, und die Macht der Dichtkunst, vorzüglich das Unbegreif— 
liche, mit einer bessern Natur Verwandte derselben ist auf eine 
s erhabne Art geschildert. Das große und schauervolle Bild am 
Eingange bereitet die Seele prächtig zu der ernsten und feier— 
lichen Stimmung vor, die das Ganze hervorbringen muß, und 
die gleich anfangs durch die edle Einfachheit der Anwendung 
des Bildes in den beiden Versen: „So strömen u. s. w. so sehr 
ꝛo befestigt wird. Die gleich darauf folgenden Verse eröfnen dem 
Geist auf einmal eine unabsehliche Tiefe. Der Dichter steht 
mit den Schicksalsgöttinnen im Bündniß, und sie theilen ihre 
Macht mit ihm. Das geheime Leben und die innere Kraft 
jedes Wesens, von welcher seine sichtbaren Veränderungen nur 
unvollkommene und vorübergehende Erscheinungen sind, und auf 
deren unmittelbarem und insofern unerkanntem Wirken das— 
jenige beruht, was wir Schicksal nennen, diese Kraft ist es, 
welche die Kunst des Dichters in Bewegung zu setzen, und auf 
die er zu wirken versteht. Aus ihr quillt im Menschen die 
Schönheit, die sein Gebiet ist, und da sie zugleich die erste Ur— 
sach aller Bewegung, mithin der einzige Sitz der Freiheit ist, 
so besitzt er nun gleichsam durch ein Einverständniß mit ihr 
5
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.