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Briefwechsel zwischen Schiller und Wilhelm von Humboldt

Full text: Briefwechsel / Schiller, Friedrich (Public Domain)

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8. Mai 1792. 
statt dessen eine ganz andre Geburt erblikken. Allein es muß 
mit dem Gebähren eine anstekkende Sache sein; denn solange 
wir drei hier zusammen sind, vergeht kaum ein Tag, an dem 
nicht Etwas, seis nun ein Stük einer Oper, oder Ode, oder 
eines Aufsazes zur Welt kommt. Nur das Eine, was wir allein s⸗ 
eigentlich alle erwarten, bleibt noch immer zu unsrer aller 
Staunen aus. 
Sie erhalten also hier ein poetisches Machwerk von mir, 
lieber Freund, und Sie verzeihen, daß ich mich damit gerade 
an Sie wende. Aber wenn ich überhaupt niemandes Urtheil 10 
so sehr, als gerade das Ihrige ehren würde; so bin ich auch 
bei niemanden so sicher von der Strenge der Gerechtigkeit über— 
zeugt, als bei Ihnen. So mancherlei fremdartige Gründe, oder 
wenn auch nicht das, doch vielleicht einzelne nicht unglükliche 
Stellen bringen so oft bei so Vielen günstige, oder wenigstens 1* 
minder ungünstige Urtheile hervor. So oft ich mich hingegen 
erinnere, Ihr Urtheil über irgend ein schriftstellerisches Produkt 
gehört zu haben, war es mir gerade auch darum so interessant, 
weil Ihr Blik immer das Ganze umfaßt, und nie unterläßt, 
sowohl dieß, als jedes seiner einzelnen Theile mit dem Ideal ⸗0 
zu vergleichen. Mag dieser Maaßstab auch, selbst für mehr als 
mittelmäßige Stükke, oft demüthigend sein; so ist er doch zu— 
gleich der Einzige, welcher der wahren Selbstschäzung zu ge— 
nügen vermag, und gewährt wenigstens immer eine so schöne 
und reiche Belehrung. Aber auch diese Gründe würden mich 28 
nicht bewogen haben, Ihnen mit meinen Versuchen beschwerlich 
zu werden, wenn ich mich nicht gerade jezt in einer Stimmung 
befände, in welcher mir Ihr Urtheil noch mehr, als wichtig, in 
der That nothwendig ist. Darum nur erlauben Sie mir, Ihre 
Freundschaft, von der Sie mir schon so manchen gütigen Be— 30 
weis gaben, um eine Gefälligkeit anzusprechen. 
Ich beschäftigte mich in diesen Tagen mit dem Pindar. 
Seine wunderbar einfache Größe, die Kühnheit seiner Bilder, 
die Stärke des Ausdruks, mit Einem Wort das ganze ächte 
Gepräge des warhaft großen und tiefen Geistes ergriff mich 35 
tark. Ich übersezte die ersten anderthalb Strophen der zweiten
	        
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