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Anmerkungen

Full text: Briefwechsel / Schiller, Friedrich (Public Domain)

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Anmerkungen zu Brief 37. 
Tiefe des ersteren und das poetische Teben des letzteren zoeigen auf 
ꝛaine wunderbare Weise den Umfang und die Vielseitigkeit des Geistes, 
dessen Früchte sie sind. Je länger ich mit Schiller umgehe, desto 
merkwürdiger und origineller erscheint mir seine intellektuelle Indivi- 
dualitüt und ieh weiss niemanden in alten und neuen Zeiton, der mit 
ihm verglichen werden könnte. Da er, wie Sie wissen, gern mit seinen 
Freunden über sich raisonniert, seine mannigfaltigen MWerke mir so 
rielfältige Veranlassung über ihn nachzudenken gaben und er mich 
selbst mehr als einmal zu ausführlichen UVrteilen aufforderte, so habe 
ich dadurch nach und nach ein Bild von ibhm in mir entworfen, dem, 
glaub' ich, an Wabrheit in den Hauptzügen nichts und an Voll- 
stündigkeit nur soviel fehlt, als bei einem so vielseitigen, sich immer 
in weohselnden Gestalten wieder neu reproduzierenden Genie not- 
wendig fehlen muss. Nur ist die Schwierigkeit dies Bild bestimmt in 
Worton auszudrücken freilich unendlich gross. Das Letate, worauf 
sich alles zurückführen und woraus sich alles erklären läüsst, könnte 
man vielleicht die Alleinherrschaft des Geistes, der inneren Rraft 
nennen, die ihn sowohl gegen die äusseren Einwirkungen des Zeit- 
alters, der Umstände u. s,f. als gegen die inneren der dinnlichkeit, der 
blossen Empfunglichkeit, des blossen pathologischen Charakters frei 
bewahrt und selbst in der Art, wie die Natur auf ihn einwirkt, ein 
selbstbestimmtes eéigenes Verhältniss festsetat. Dadureh unterscheidet 
er sich so sehr von allen Alten, denen er doch wieder so nah ist, da- 
durch von den Neueren, die ihrem Geist wie z2. B. Goethe folgen, da- 
durch von allen andern unter den Letzteren, die wie Shakespeéare, 
Ariost u.s.f. einen verschiedenen Weg, aber immer einen gehen, der 
mehr der Natur als der Freiheit angehört. Auf schillers Wege, 
glaube ich, liegt der höchste Gipfel der Dichtkunst, aber ich wage 
nicht zu sagen, ob auch ein érreichbarer. Gewiss aber ist es, dass, 
weil dieser Weg zugleich die höchssten Forderungen an das Genie des 
Dichters und an den Geschmack seiner Leser macht, man noch oft 
in der Tat mit höchstem Unrecht, aber dem Scheine nach mit grossem 
Recht an Sohillers Dichterberuf zweifeln wird.“ Hiermit ist auch 
Körners oben zu 176, 18 zitiertes Urteil 2u vergleichen. 
197, 101 Vgl. über diesen niemals ausgeführten Plan ferner oben 
217, 8. 283, 8. 239, 88. 242, 38; Gesammelte Werke 5, 140; Briefe an 
Körner S. 50. 53; Sechs ungedruckte Aufsätze S. XXV. 
197, 209] „Iliacos intro muros peccatur et eatra“ Horan, Episteln 
1. 2. 16. 
198, 41 Herder hatte geschrieben (Horen 9, 64): „Jeh genoss das 
zauberische Vergnügen die Kunstwerke des Vatikans, des Capito- 
liums u.s.f. unter einer verstündigen FPackelbeleuchtung zu sehen“; 
Wolf replizierte mit dom Satze (Intelligenzblatt S. 981): „Schade nur,
	        
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