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Briefwechsel zwischen Schiller und Wilhelm von Humboldt

Full text: Briefwechsel / Schiller, Friedrich (Public Domain)

11. Dezember 1795. 
237 
45. Kumboldt an Schiller. 
Tegel, 11. December 95. 
Ich bin wieder so schlimm mit meinem Auge dran, lieber 
Schiller, daß Sie heute noch keine Antwort auf Ihr schönes 
Manuscript von mir erwarten dürfen. Ich habe es zwar heute, 
da es doch ein wenig besser geht, angefangen zu lesen, aber die 
Hand hat, so deutlich sie auch ist, etwas so spitziges, daß sie 
den Augen sehr weh thut, und ich nur sehr kurze Zeit fortlesen 
darf. Ans Vorlesen aber bin ich zu wenig gewöhnt, um etwas, 
das mir wichtig ist, ordentlich wie ich wollte, genießen und be— 
urtheilen zu können. Ich verschiebe also die Antwort hierauf 
bis zum nächsten Posttag, wo das Uebel ja wohl vorübergegangen 
seyn wird. Es liegt eigentlich bloß im Augenliede, wie Herz 
sagt, an einem Fehler in der Absonderung der dort liegenden 
Drüsen. Aber sobald das Augenlied schwillt, entzündet sich das 
Auge, und Herz hat mir die Schonung desselben sehr ernstlich 
anempfohlen. Wenn das Uebel oft wiederkommen sollte, wäre 
es eine liebliche Aussicht für die Wintertage. 
Auf alle Fälle, liebster Freund, bleibt es dabei, daß ich Sie 
ꝛd noch vor unsrer gänzlichen Zurückkunft nach Jena dort besuche. 
So früh aber, als ich wünschte, wird es nicht seyn können. Wir 
gehn nämlich Anfang Sommers etwa, oder etwas früher von 
hier nach BurgOerner zu meinem Schwiegervater, und erst von 
da aus kann ich zu Ihnen kommen. Indeß ist die Italiänische 
Reise auch nicht so nah, als Sie in Ihrem vorletzten Briefe 
meynen. Schon im Herbst 96. könnten wir nur bei gänzlicher 
Umänderung unsrer Plane abgehn; unser Entschluß geht bloß 
auf das Frühjahr 97. Wieviel gäben wir darum, wenn Sie 
uns, Lieber, begleiten könnten! Auch Ihnen würde eine Ver— 
änderung, und ein Reichthum äußerer nicht zu schnell und nicht 
zu langsam wechselnder Gegenstände so wohl thun. Ob Sie es 
gleich in Ihrem Brief gänzlich absagen, so ist mir erst durch 
diesen doch ein Gedanke einer Möglichkeit gekommen. Aber man 
muß die Zukunft erwarten, und die Gegenwart genießen oder 
ertragen. In Dresden fühle ich sehr, daß Ihnen manches ent— 
zogen seyn könnte. 
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