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Briefwechsel zwischen Schiller und Wilhelm von Humboldt

Full text: Briefwechsel / Schiller, Friedrich (Public Domain)

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26. Oktober 1795. 
Lassen Sie uns indessen in dieser Sache auch nicht zu weit 
aushohlen. Nehmen Sie zum Beyspiel den Fall an, die Natur 
habe mich wirklich zum Dichter bestimmt, so wird Ihnen der 
ganz zufällige Umstand, daß ich mich in dem entscheidenden 
Alter, wo die Gemüthsform vielleicht für das ganze Leben be— * 
timmt wird, von 14 biß 24 ausschließend nur aus modernen 
Quellen genährt, die griechische Litteratur (soweit sie über das 
Neue Testament sich erstreckt) völlig verabsäumt, und selbst aus 
der lateinischen sehr sparsam geschöpft habe, meine ungriechische 
Form bey einem wirklich unverkennbaren Dichtergeist erklären. ie 
Der Einfluß philosophischer Studien auf meine Gedankenoeko— 
nomie erklärt dann das übrige. Ein starker Beweis für diese 
Behauptung ist der, daß ich gerade jetzt, wo ich durch Krank— 
heit, Lebensweise, selbst durch das Alter, durch jahrelang ge— 
triebene Speculation von der dichterischen Vorstellungsweise um— 15 
sovielmehr hätte abkommen sollen, nichts desto weniger ihr eher 
näher gekommen bin, (wofür ich meine Elegie allein zum Be— 
weis anführen will), und warum konnte dieß geschehen? Weil 
ich zugleich in dieser Zeit, obgleich nur sehr mittelbar, aus 
griechischen Quellen schöpfte. Diese schnelle Aneignung dieser 20 
fremden Natur, unter so ungünstigen Umständen, beweißt, wie 
mir däucht, daß nicht eine ursprüngliche Differenz sondern bloß 
der Zufall zwischen mich und die Griechen getreten seyn konnte. 
Ja ich bilde mir in gewissen Augenblicken ein, daß ich eine 
größere Affinitaet zu den Griechen haben muß, als viele andre, ⸗s 
weil ich sie, ohne einen unmittelbaren Zugang zu ihnen, doch 
noch immer in meinen Kreis ziehen und mit meinen Fühlhörnern 
erfassen kann. Geben Sie mir nichts als Muße, und soviel 
Gesundheit als ich bißher nur gehabt, so sollen Sie sicherlich 
Produkte von mir sehen, die nicht ungriechischer seyn sollen, als so 
die Produkte derer, welche den Homer an der Quelle studierten. 
Das mag seyn, daß meine Sprache immer künstlicher organi— 
siert seyn wird, als sich mit einer homerischen pp Dichtung ver— 
trägt, aber den Antheil der Sprache an den Gedanken unter⸗ 
scheidet ein kritisches Auge leicht, und es wäre der Mühe und 35 
Aufopferung nicht werth, eine so mühsam gebildete Organisation,
	        
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