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Jugenderinnerungen II. Berliner Lehrjahre

Full text: Jugenderinnerungen und Bekenntnisse / Heyse, Paul (Public Domain)

II. Berliner Lehrjahre. 
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seiner Natur war es auch gewesen, was ihn mit dem um sieben 
Jahre jüngeren Geibel zusammengeführt hatte. 
Mit anderen künstlerischen Gefährten, darunter vor Allen 
dem Malerdichter Robert Reinick, dem Architekten Strack, dem 
Bildhauer Drake, hatte Kugler schöne Lehr⸗ und Wanderjahre 
genossen und in den verschiedensten Künsten sich versucht. Er 
zeichnete, radirte, sang, blies das Waldhorn, componirte Lieder 
im Volkston, die er selbst gedichtet hatte. Eine Frucht dieser 
romantischen Jünglingszeit war das im Jahre 1830 erschienene 
„Skizzenbuch“, das seine ersten Gedichte enthielt, mit eigenen, 
zum Theil phantastischen Radirungen illustrirt und mit den Noten 
seiner eigenen Compositionen begleitet. Sein allbekanntes „An 
der Saale hellem Strande“ erschien hier zum ersten Mal, mit 
einer Zeichnung der alten Rudelsburg. Ein so vielseitiges 
Talent lief Gefahr, sich in dilettantischem Selbstgenuß zu ver⸗ 
zetteln. Aber der redliche Ernst, der im Grunde seines Charak⸗ 
ters lag, bewahrte ihn vor dem Schicksal, aus so vielen fröhlichen 
Blüten keine dauernde Frucht zu gewinnen. Er sammelte seine 
Kräfte zu gründlichen Studien der Kunstgeschichte, einer Wissen⸗ 
schaft, die damals noch in den Windeln lag, und um deren 
rasches Aufblühen er im Wetteifer mit seinem Freunde Karl 
Schnaase fich ruhmvoll verdient machen sollte. 
Ueber die Ergebnisse seiner Forschung ist die Wissenschaft 
seitdem vielfach hinausgegangen, Manches berichtigend und nach 
neueren Quellen ergänzend. Dennoch sind diese Bücher in ihrer 
ersten Form werthvolle Zeugnisse geblieben, wie sich die Fülle 
der Erscheinungen in einem ungewöhnlich künstlerisch begabten 
Geist gespiegelt und einen glücklich bezeichnenden Ausdruck ge— 
funden hat. 
Als ich ihn kennen lernte, war Kugler mit der Ausarbeitung 
seiner „Geschichte der Baukunst“ beschäftigt. Zur Uebung in 
seinen geliebten freien Künsten ließ dies große Werk ihm kaum 
noch Zeit, es sei denn, daß er einzelne architektonische Illustra— 
tionen selbst radirte und Abends zum Klavier eines seiner alten 
Lieder sang oder den stattlichen Band hervorholte, in welchem
	        
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