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Jugenderinnerungen II. Berliner Lehrjahre

Full text: Jugenderinnerungen und Bekenntnisse / Heyse, Paul (Public Domain)

II. Berliner Lehrjahre. 
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geschweigen, aufgedämmert war und sich vollends enthüllen sollte, 
als ich einige Jahre späüter Mörike kennen lernte. Geibel zeigte 
mir an manchem meiner eigenen Jugendlieder, wie durch ein un⸗ 
ermüdliches „Nach-innen-feilen“ zuweilen ein paar unbedeutende 
Strophen, die aber einer echten Stimmung entsprungen waren, 
zuletzt doch einen intimen, persönlichen Reiz gewinnen konnten. 
Auch wie viel darauf ankommt, richtig anzufangen und zur rechten 
Zeit zu enden, vor Allem „nicht aus dem Stil zu fallen“, das 
heißt, in einem Gedicht, das in einer bestimmten Tonart, etwa 
im Volkston, gehalten ist, keine Wendung zu gebrauchen, die 
einer höheren literarischen Sphäre angehört oder umgekehrt, 
wurde mir jetzt erst klar. Um nur ein Beispiel anzuführen: ich 
hatte, durch eine französische Lebensbeschreibung Bayard's, des 
Ritters ohne Furcht und Tadel, angeregt, einen Romanzen-Cy— 
clus nach dem Muster von Herder's „Cid“ verfaßt, den ich 
Geibel nun auch lesen ließ. Was er davon hielt, ist mir nicht 
mehr erinnerlich. Es muß wohl nicht viel gewesen sein, da ich 
es nicht der Mühe werth hielt, das Heft aufzubewahren. Nur 
eine einzige dieser Romanzen habe ich später in meine Gedichte 
aufgenommen, die letzte, die den Tod des Helden erzählt, wie er 
nach dem ergreifenden Begegnen mit Karl von Bourbon, 
Prinz Bourbon, der gegen Frankreich, 
Gegen seinen König kämpft, 
verwundet im Thal der Sesia an einen Baum gelehnt, ver— 
scheidet. Der Sieger — 
Klirrend in dem Eisenharnisch 
Schwingt er sich von seinem Rappen, 
Tritt zu jenem Vielverehrten, 
Spricht zu ihm, indem er weint: 
„O Bayard, dein herbes Scheiden, 
Wie zerreißt es mir die Seele!“ — 
Doch Bayard — mit dem Verräther 
Tauscht er weder Wort noch Blick. 
Schaut noch einmal auf zum Himmel, 
Wendet sich und ist verschieden —
	        
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