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Jugenderinnerungen I. Mein Elternhaus

Full text: Jugenderinnerungen und Bekenntnisse / Heyse, Paul (Public Domain)

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J. Mein Elternhaus. 
Namen und die Geschäftsanzeigen der Kaufleute, die ihr seit 
fünfzig Jahren bekannt gewesen waren. 
Sie fügte sich endlich meinem eindringlichen Abrathen, und 
ich überzeugte mich, als ich ihr im Jahre 1863, nachdem ich im 
Jahr vorher in Meran meine junge Frau begraben hatte, auf 
ein paar Monate ihre beiden ältesten Enkel brachte, daß ihr 
Leben in der That nicht so verarmt und vereinsamt war, wie sie 
in sehnsüchtigem Ungenügen es darzustellen pflegte. Auch war 
es noch die alte geistige und leibliche Frische, all ihre Sinne 
standen ihr ungeschwächt zu Gebote, sie las ohne Brille, hörte 
den leisesten Ton, und der heitere Witz, mit dem sie jeden Be— 
sucher ergötzte, ließ Niemand die Stunde für verloren halten, die 
er bei der alten „Mama Heyse“ zugebracht hatte. 
Erst im folgenden Jahre mehrten sich ihre körperlichen Be— 
schwerden, eine nahe Lebensgefahr aber schien bei ihrer glück— 
lichen Constitution und der Unversehrtheit aller Organe nicht 
vorhanden. Dennoch wurde ich durch allerlei ängstliche Berichte 
alarmirt und war drauf und dran, im Herbst zu ihr zu reisen, 
um mich von ihrem Zustande mit eigenen Augen zu überzeugen. 
Sie selbst aber beruhigte mich wieder, und so fuhr ich am 
20sten October nach Wien, um am Burgtheater der dritten Vor— 
stellung meines „Hans Lange“ beizuwohnen. Ich konnte ihr noch 
den glücklichen Erfolg telegraphiren und ahnte nicht, daß es die 
letzte Freude ihres Lebens sein sollte. 
Wenige Tage nachher, als ich schon wieder bei den Meinigen 
in München war, rief mich ein Telegramm der Tante Marianne 
an ihr Sterbebett. Die Wafsersucht, die langsam aufgetreten und 
oft wieder zurückgegangen war, hatte sich plötzlich edleren Theilen 
genähert, und der Arzt gab nur noch eine kurze Frist. Sie selbst, 
als ich um Mittag an ihr Bett trat, begrüßte mich mit ihrer 
alten Heiterkeit, ohne daß die Schatten des nahen Todes ihr 
Gemüth und ihren Geist schon verdunkelt hätten. Ich mußte 
mich zu ihr setzen, ihr von den Kindern und von der Wiener 
Aufführung erzählen, dann war ihre Hauptsorge, wie in früheren 
Tagen, was ich essen und wie ich Nachts gebettet sein würde.
	        
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