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Jugenderinnerungen I. Mein Elternhaus

Full text: Jugenderinnerungen und Bekenntnisse / Heyse, Paul (Public Domain)

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J. Mein Elternhaus. 
liche Verlobung mit Kugler's Tochter einweihte, schon im Jahre 
1851, begrüßten sie die neue Tochter beide mit wärmster Freude, 
und auch meine Mutter schloß meine Braut ohne Widerstreben 
in ihr leidenschaftliches, eifersüchtiges Herz, das nur für wenige 
Menschen Raum hatte, diese aber um so inniger festhielt. Für 
ihren in blindem Mutterstolz überschätzten Sohn war ihr die 
Beste gerade gut genug gewesen. Nun erschien ihr ohne weitere 
Prüfung als die Beste, die diesen Sohn glücklich machte. 
Daß ihr die Trennung von Sohn und Tochter, die durch 
meine Berufung nach München nothwendig wurde, schwer zu er— 
tragen war, ist begreiflich, und selbst die Befriedigung des 
mütterlichen Ehrgeizes durch die ehrenvolle Stellung in der Nähe 
des König Max konnte sie nicht ganz über den Verlust der täg— 
lichen Gegenwart trösten. Als dann im Winter des folgenden 
Jahres mein Vater starb, überkam sie vollends das Gefühl einer 
tödtlichen Vereinsamung. 
Sie konnte sich aber nicht sofort entschließen, alle Bande, 
die sie an ihr heimathliches Berlin fesselten, zu zerreißen und 
zu ihren Kindern nach München überzusiedeln. Auch fand sie fich, 
dank ihrer lebensmuthigen, sanguinischen Natur, äußerlich wenig⸗ 
stens rascher wieder zurecht, als wir ihr zugetraut hatten. In 
der kleineren Wohnung, die sie bezogen hatte, empfing sie nach 
wie vor ihre alten Freunde; Schwester Marianne, die sie um 
acht Jahre überleben sollte, hielt getreu zu ihr; was fie von 
meinen dramaturgischen und literarischen Erfolgen hörte, bereitete 
ihr Festtage, und fie las meine Sachen, so wie sie erschienen 
waren, mit der lebhaftesten, völlig kritiklosen Begierde. 
So lebte sie noch neun Jahre, und ich sorgte dafür, theils 
durch allwöchentliche Briefe, theils durch Besuche in Berlin oder 
unser Zusammenkommen in den Monaten der Sommerfrische, 
daß sie die Trennung nicht allzu schmerzlich empfand. Daß sie 
meine Kinder mit der zärtlichsten großmütterlichen Liebe umfing, 
brauche ich kaum zu erwähnen. Besonders meinen ältesten Sohn 
Franz hatte sie zu ihrem Liebling erkoren und konnte stunden— 
lang mit dem Knaben scherzen und Unsinn treiben und ihm die
	        
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