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Jugenderinnerungen I. Mein Elternhaus

Full text: Jugenderinnerungen und Bekenntnisse / Heyse, Paul (Public Domain)

I. Mein Elternhaus. 
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der Garnisonkirche, Christus vor Pilatus geführt, das die Höhe 
seines Könnens bezeichnete, hatte er nichts von Bedeutung mehr 
zu Stande gebracht. 
Werthvoller aber als die malerischen Anregungen, die ich in 
diesem Atelier empfing, waren mir die musikalischen, die ich seiner 
Gattin verdankte. 
Meine Erziehung in dieser Hinsicht war leider vernachlässigt 
worden. Klavierstunden, die ich eine Zeitlang bei einer meinen 
Eltern befreundeten Dame, Frau Johanna Zimmermann, ge— 
nommen hatte, geriethen bald ins Stocken. Sie fanden in aller 
Frühe vor der Schule statt, wo mein Kopf theils noch unaus— 
geschlafen, theils mit der Präparation auf die bevorstehenden 
Stunden erfüllt war. Im Gymnasium selbst nahm ich eifrig am 
Gesangunterricht Theil, da ich eine gute Stimme und ein treff⸗ 
liches Gehör und Gedächtniß hatte. Aber eine eigentliche Unter— 
weisung im Technischen der Musik murde uns nicht zu Theil; kaum 
daß wir die oberflächlichste Kenntniß der Noten gewannen. So habe 
ich bei großen Festaufführungen — wir wagten uns an Händel's 
„Mesfias“, Haydn's „Jahreszeiten“ und schwere kirchliche Can— 
taten — Solopartien frischweg und ziemlich fehlerlos zu singen 
gewagt, bloß nachdem ich sie einmal von unserm glänzendsten 
Solisten, dem Sohn des Tenors der königlichen Oper, Stümer, 
hatte vortragen hören. Meine vielfachen anderen Allotria neben 
den Schulfächern, Versemachen und Zeichnen, ließen für eine 
ernstlichere Pflege der Musik keine Zeit, ein so inniges Bedürf— 
niß ich fühlte, meine musikalische Bildung zu fördern, wozu 
ich begierig jede Gelegenheit wahrnahm. 
Damals waren die Symphonieconcerte vor dem Oranien— 
burger Thor eben in Aufnahme gekommen, wo man gegen ein 
Eintrittsgeld von zwei guten Groschen unter der Leitung des 
Capellmeisters Liebig an gewissen Nachmittagen eine Symphonie 
und zwei Ouverturen classischer Meister zu hören bekam, in einem 
großen Saal, in welchem trotz des Tabaksqualms und Bier- und 
Kaffeegedüfts die andächtigste Stimmung herrschte. Ich kann 
nicht genug sagen, wie sehr ich diesen „populären Concerten“
	        
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