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Bekenntnisse II. Aus der Werkstatt 3. Mein Verhältnis zum Theater

Full text: Jugenderinnerungen und Bekenntnisse / Heyse, Paul (Public Domain)

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II. Aus der Werkstatt. 
Doch die große, grobe, bunte Menge, die ein Schauspiel—⸗ 
haus füllt, besinnt sich selbst in Zeiten des Verfalls oder der 
Schwäche, sobald sie sich zu Hunderten beisammen findet, auf ihre 
gesunden Instincte und Bedürfnisse. Mit bloßem Gaukelspiel 
einer nervös erhitzten Phantasie, einer müde hinschleichenden Ana— 
lyse kränkelnder Seelenzustände, die höchstens, um doch zu einem 
Schlusse zu kommen, sich zu einem Sprung ins Wasser auf— 
schwingen, läßt ein gesundes Publikum sich nur eine Weile 
hinhalten und darüber täuschen, daß ihm nichts wahrhaft Genieß— 
bares, Sättigendes geboten wird. Dann aber begehrt es nach 
nahrhafterer Koft, nach einer Handlung, die Anfang, Mitte und 
Ende hat und sich als ein greifbares, thatkräftiges Stück Menschen⸗ 
schicksal den Antheil der Zuschauer gewinnen kann. Und so ist 
es nur begreiflich, daß jene sensitive, psychologisch überreizte, an 
unerledigten Problemen krankende Dramatik, die vom Norden her 
bei uns Eingang fand, sich eigene Bühnen errichten und ein 
besonders wahlverwandtes Publikum versammeln mußte, das dann 
auch nicht immer damit zufrieden war, mit einem Fragezeichen 
statt eines klaren Schlußpunktes entlassen zu werden. 
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Dies Alles ist so vielfach ausgesprochen worden, die starren 
Lobredner des Alten und die ungestümen jugendlichen Revolutio— 
nüre sind so hart aneinander gerathen, daß über ihren ermüdenden, 
heute auch schon merklich ermüdeten Zwist kaum noch etwas 
Neues zu sagen wäre und ich selbst es mir erspart häaͤtte, 
mein Wort dazuzugeben, wenn diese veränderte Zeitströmung 
nicht auch auf mein dramaturgisches Schicksal von Einfluß ge⸗ 
wesen wäre. 
Ob es, während diese Gährungselemente in lebhafter Arbeit 
begriffen waren, einem Dramatiker der alten Richtung, der mit 
stärkerem Talent und beharrlicherem Willen ausgestattet gewesen 
wäre, hätte gelingen können, den Kampf siegreich zu bestehen, 
muß dahingestellt bleiben. Mir selbst jedenfalls fehlte von vorn 
herein die Neigung, sowohl mich den neuen Doctrinen anzu—
	        
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