Path:
Jugenderinnerungen I. Mein Elternhaus

Full text: Jugenderinnerungen und Bekenntnisse / Heyse, Paul (Public Domain)

IJ. Mein Elternhaus. 
19 
Zum Glück hielt der leidenschaftlichen Empörung über diese 
Kränkung und dem Kummer über die schwankende Gesundheit 
ihres Mannes gleichwohl das tiefe Dankgefühl die Wage, daß 
sie ihn überhaupt besaß. Denn ihre Liebe zu ihm war völlig 
unbedingt und grenzenlos. Sie sah in ihm geradezu die höchste 
Verkörperung aller menschlichen und männlichen Vollkommen— 
heiten, und kein Opfer, das sie ihm zu bringen gehabt hätte, 
wäre ihr zu schwer gewesen. Zwischendurch kamen freilich Augen— 
blicke, wo ihr jähes Naturell, ihr orientalisches Temperament 
auch ihm gegenüber aufloderte. Aber auf solche Scenen folgte 
eine um so innigere Ergebung in seine Autorität und das Be— 
mühen, durch ein wahres Feuerwerk von übermüthiger guter 
Laune die kleine Trübung des Verhältnisses vergessen zu machen. 
Schon in ihren Mädchenjahren war meine Mutter ihres 
Witzes wegen berühmt gewesen. Sie wußte das natürlich selbst; 
aber wie sie in Allem nicht zu glänzen fuchte, ließ sie auch dieser 
ihrer Gabe wie etwas, das ihr natürlich war, freies Spiel, zu⸗ 
mal auch in ihren Briefen, in denen sie sich ihren eigenen, oft 
etwas dunklen und geistreich barocken, öfter jedoch heiter mit 
Worten und Gedanken spielenden Stil gebildet hatte. Von früh 
an hatte sie viele treue Freunde gefunden. Denn es ging ein 
Hauch von Herzenswärme, von thätiger Liebenswürdigkeit von 
ihr aus, der Jedem wohlthat, während zugleich die Munter⸗ 
keit und Frische ihres Geistes die Besucher ergötzte. Dabei 
fehlte es ihr durchaus an eigentlichem praktischem Humor. In 
ihren menschlichen Verhältnissen verstand sie keinen Spaß, konnte sich 
nicht zu einer freien Betrachtung der Weltwidersprüche erheben 
und zwischen den Gefühlen von Liebe und Haß der pauvre hu-— 
manité ein halb mitleidiges, halb belustigtes Interesse widmen. 
In der That aber durfte sie ihrem Geschicke danken für 
das überquellende sanguinische Temperament, das ihr ins Leben 
mitgegeben war, nicht nur um die trübstnnigen Stunden ihres 
Gatten zu erleichtern, sondern auch sich selbst in einer der 
schwersten Prüfungen, die einem Mutterherzen auferlegt werden 
können, aufrecht zu erhalten.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.