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Bekenntnisse I. Aus dem Leben

Full text: Jugenderinnerungen und Bekenntnisse / Heyse, Paul (Public Domain)

294 
J. Aus dem Leben. 
genügen lassen und die Entscheidung darüber, ob er auch ein 
Auserwählter sei, der Zukunft anheimstellen. 
432 
* 
4. 
Wenn es aber wohlgethan ist, sein Werk für sich sprechen 
zu lassen und in Betreff des äußeren, wenig bewegten Lebens— 
laufs den Nekrologen nicht vorzugreifen, so hat es doch auch 
gerade unter den künstlerisch schaffenden Menschen, die eben 
darum mit reizbareren Sinnen und ungestümerem Blut begabt zu 
sein pflegen, Solche gegeben, deren äußeres Leben selbst einem 
leidenschaftlich bewegten Roman voll gewaltsamer Katastrophen 
gleicht, deren Selbstbiographie uns daher zuweilen interessanter 
ist, als ihre Schöpfungen. Zwar nicht die Italiener, wohl aber 
alle übrigen Leser würden, wenn sie zu wählen hätten, sämmt⸗ 
liche Tragödien Alfieri's gegen seine Vita hingeben und den 
Verlust aller Goldschmiedarbeiten Cellini's verschmerzen, wenn 
uns um diesen Preis sein abenteuerliches Lebensbild, das ihn 
selbst und seine Zeit in so unvergänglichen Zügen schildert, er— 
halten bliebe. Auch ist es nicht bloße Neugier, die uns bedauern 
läßt, daß der Dichter des Childe Harold und Don Juan keine 
Memoiren hinterlassen hat. Immerhin hätte er auch in seinem 
Selbstporträt „posiren“ mögen, gleich den Helden seiner Dichtungen 
Lara, Giaur, Sardanapal. Zur vollen Erkenntniß dieses wunder⸗ 
samen Menschen voll innerer Widersprüche würde uns jede 
weitere Confession neben seinen Briefen und Dichtungen von 
hohem Werth gewesen sein. 
Mein eigenes langes Leben ist ohne dergleichen stürmische 
Wechselfälle verflossen, und bei den großen weltumwälzenden Er— 
eignissen dieses Jahrhunderts habe ich nur den Zuschauer gemacht 
und selbst im bescheidensten Maße nie thätig mitgewirkt. Der 
Tod des Königs machte in meinen Münchener Verhältnissen keine 
einschneidende Aenderung. So blieb ich in der Stadt wohnen, die mir 
eine zweite Heimath geworden war, ohne jedes Amt nur meinen 
mannichfachen literarischen Aufgaben mich widmend, sah gute 
Freunde und Gleichgesinnte kommen und gehen und eine neue
	        
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