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Jugenderinnerungen I. Mein Elternhaus

Full text: Jugenderinnerungen und Bekenntnisse / Heyse, Paul (Public Domain)

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I. Mein Elternhaus. 
stände nie ein Hehl machte, so wenig er sich berufen fühlte, 
zffentlich damit hervorzutreten. 
Und so hat mein Vater über dreißig Jahre an der Uni— 
versität gelehrt, ohne mehr als eine magere Besoldung und in 
Folge einer durch seine Bücher unterstützten energischen Beschwerde 
beim Minister statt der Beförderung, auf die er gerechten An— 
spruch zu haben glaubte, — den Rothen Adlerorden vierter Klasse 
zu erhalten. 
Ich war gerade bei ihm, als die Antwort auf seine Ein— 
gabe eintraf. Als er den Orden, der beigefügt war, aus seiner 
Umhüllung hervorzog, sahen wir uns in augenblicklichem Ein— 
verständniß an und brachen dann in ein helles Lachen aus, das 
aus meiner Seele wohl bitterer klang als aus der meines Vaters. 
Er hat dies allgemeine Ehrenzeichen für redliche Beamtendienste 
aicht ein einziges Mal angelegt. 
g 
32. 
Doch wenn er selbst auch über diese Demüthigung mit 
hoher Seele sich erhob und in seiner Arbeit Betäubung und 
hin und wieder Genugthuung suchte, — meine Mutter war 
nicht so leicht zu beruhigen, wo sich's um eine Unbill handelte, 
die diesem leidenschaftlich geliebten, ja vergötterten Manne an— 
gethan wurde. Ihr alttestamentarisches Blut wallte auf, sie 
warf einen unversöhnlichen Haß auf die Personen, die sie für 
die Zurücksetzung meines Vaters verantwortlich machte. Es war 
unmöglich, ihr klar zu machen, daß Trendelenburg, den sie vor 
Allen dieser „Kabale“ bezichtigte und um so heftiger anklagte, 
da er früher in naher Freundschaft mit ihnen Beiden gelebt, aus 
sachlichen Motiven gegen die Beförderung zum ordentlichen 
Professor gestimmt hatte, da er als Aristoteliker gegen den Hegeli— 
aner, als Vorkämpfer für das Becker'sche grammatische System 
gegen das Heyse'sche sich erklären mußte. Von einer unum— 
schränkten Lehrfreiheit an den Universitäten und collegialer 
Toleranz war man damals freilich weiter noch als heute 
entfernt.
	        
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