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Full text: Jugenderinnerungen und Bekenntnisse / Heyse, Paul (Public Domain)

Das Krokodil. 
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durch die Auswahl der darin veröffentlichten Dichtungen offenbart. 
Freilich, eine „Richtung“ zu vertreten oder gar eine Kampfftellung 
einzunehmen, war uns nie eingefallen. Auch hatten wir den 
Idealismus, zu dem wir uns freudig bekannten, niemals so ver— 
standen, als ob seine Aufgabe eine Entwirklichung der Natur und 
des Lebens zu Gunsten eines conventionellen Schönheitsideals sein 
könne. Goethe hatte schon gesagt, was auch uns als das Ent⸗ 
scheidende einleuchtete: „Die höchste Aufgabe einer jeden Kunst ist, 
durch den Schein die Täuschung einer höheren Wirklichkeit zu geben. 
Ein falsches Bestreben aber ist, den Schein so lange zu verwirklichen, 
bis endlich nur ein gemeines Wirkliche übrig bleibt.“ Und so 
konnten wir einen Gegensatz von Realismus und Idealismus nicht 
anerkennen, da wir uns eines hinlänglichen Wirklichkeitssinnes 
bewußt waren und den Werth einer dichterischen Production zu⸗ 
nächst nach der Fülle und Wahrheit des realen Lebensgehaltes 
maßen, der sich darin offenbarte. Wo wir den vermißten, konnte 
uns kein Reiz und Adel der äußeren Form für die mangelnde 
tiefere Wirkung entschädigen. Doch begriffen wir auch nicht, 
daß irgend eine Form, wie sie von großen Vorgängern überliefert 
war, dem Geist ein Hinderniß sein könne, seine Lebenskraft zu 
erweisen. Daß Formen und Gesetze auch in der Kunst dem 
Wandel unterworfen sind, wie hätten wir das leugnen können! 
Aber die absolute Formlosigkeit, die einige Jahrzehnte später der 
Naturalismus predigte, der schrankenlose Individualismus, der 
in der Poesie wie in den Sitten der Gesellschaft einzureißen an— 
fing, erschien uns nur als ein Krankheitssymptom, das schon zu 
anderen Zeiten aufgetaucht und von der unverwüstlichen Regene⸗ 
rationskraft unseres Volkes überwunden worden war. Daß 
diesen anarchistischen Tendenzen unter Anderem auch der Vers 
im Drama zum Opfer fallen sollte, weil „wirkliche Menschen“ 
nicht in Versen sprächen, konnten wir nur belächeln, da uns 
Hamlet, Lear und Shylock denn doch sehr reale Personen dünk⸗ 
ten und im „Zerbrochenen Krug“ selbst moderne Lustspielfiguren 
ihr Lebensrecht behaupteten, obwohl ihnen ihr Verfasser durch 
den Vers eine „höhere Wirklichkeit“ verliehen hatte. 
Heyse: Jugenderinnerungen. 15
	        
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