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Full text: Jugenderinnerungen und Bekenntnisse / Heyse, Paul (Public Domain)

König Max und die Wissenschaft. 
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König Ludwig war eine geniale Erscheinung gewesen, eine 
Künstlernatur mit dem Sinn für Glanz, Größe, freie und schöne 
Entfaltung des äußeren Lebens. Sein Sohn, der siebenund⸗ 
dreißigiährig zur Regierung kam, war in Allem das Widerspiel 
des Vaters, der die Erziehung seines Thronfolgers sich nicht 
sonderlich hatte angelegen sein lassen. 
König Max selbst hat es oft genug gegen Die, die sein Ver⸗ 
trauen genossen, ausgesprochen, daß er die großen Lücken seiner 
Bildung schwer empfinde und Alles daran setzen wolle, die Unter— 
lassungssünden seiner Jugend so viel als möglich wieder gut zu 
machen. Wie gewissenhaft er dabei zu Werke ging, dessen sind 
alle Diejenigen Zeuge, die ihm jemals näher gestanden. 
Er war wie in all seinen äußeren Regierungsacten so auch 
in dem Bestreben, seine innere Welt zu ordnen und zu bereichern, 
das incarnirte Pflichtgefühl, unfähig, mit einer Sache abzuschließen, 
ehe er sie völlig durchdrungen, unermüdlich im Fragen und 
Wiederfragen und daher oft lange unschlüssitg, wenn es galt, in 
einer Sache, die ihm noch Zweifel erweckte, eine Entscheidung 
zu treffen. Hatte er aber das ergriffen, was ihn das Rechte 
dünkte, so hielt er mit zäher Beharrlichkeit daran fest und war 
bei der Durchführung selbst unter schwierigen Kämpfen in seinem 
Muthe nicht zu erschüttern. 
Dabei war ihm alles Scheinwesen verhaßt, und es wird 
wenig Fürsten gegeben haben, die ihm an Selbstverleugnung, an 
Unzugänglichkeit für höfische Schmeichelei, an Bescheidenheit über— 
ragendem Verdienste gegenüber gleichkamen. Vor dem Bestreben, 
es in äußeren Erfolgen seinem genialen Vater gleich zu thun, 
auf Gebieten, in denen er sich nicht heimisch fühlte, bewahrte 
ihn „die schlichte Gediegenheit seines Wahrheit suchenden Geistes“, 
wie Alfred Dove es treffend bezeichnet hat. Ueberall war es 
ihm um die Sache zu thun, nicht um die Person, am wenigsten 
um seine eigene. Das schloß nicht aus, daß er von seiner könig⸗ 
lichen Würde eine hohe Meinung hatte und jede Schmälerung 
derselben als eine persönliche Unbill empfand. Auch das aber 
nur, da er es für seine Königspflicht hielt, das ihm anvertraute
	        
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