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Jugenderinnerungen I. Mein Elternhaus

Full text: Jugenderinnerungen und Bekenntnisse / Heyse, Paul (Public Domain)

) 
J. Mein Elternhaus. 
iübrigen Namen gaben. Von dem nicht übergroßen Reichthum 
des Vaters war, da das Erbe in sechs Theile ging, auf das 
einzelne Kind nur ein mäßiger Antheil und Einiges an Juwelen 
gekommen, immerhin genug, daß die Geschwister sorgenfrei 
leben konnten. Der älteste Bruder starb, noch ehe ich geboren 
wurde. Der zweite, Louis Saaling, brachte es in kauf— 
männischen Stellungen zu einem etwas ansehnlicheren Vermögen, 
das er sorgfältig durch eine wunderliche Sparsamkeit zu ver— 
mehren suchte. Während er eine offene Hand hatte, wo es galt, 
seinen Schwestern oder guten Freunden Liebes zu erweisen, 
kehrte er u. A. die Couverte empfangener Briefe um, sie zu den 
Antworten zu benutzen, kaufte auf einmal mehrere Dutzend Aus— 
schuß-Handschuhe und rauchte Cigarren, die sein nicht eben ver— 
wöhnter Neffe standhaft verschmähte. Dabei war er ein weich— 
herziger, heiterer, allgemein beliebter Mann, der es zu hohen 
Jahren brachte und bis zuletzt die drei steilen Treppen seiner 
Wohnung an der Schönen Aussicht in Frankfurt a. M. Nachts 
hinqufstieg, nachdem er in der Ressource stundenlang dem Karten⸗ 
spiel der Anderen zugesehen hatte. 
Noch steht der gute Onkel Louis vor mir, die hohe, wohlpropor⸗ 
tionirte Gestalt bis in seine achtziger Jahre ungebeugt, in 
einem langen blauen Rock, dessen Schöße tief hinab über die 
Nankingbeinkleider fielen, die Schuhe mit Gamaschen verwahrt, 
auf dem Haupte den grauen Cylinder, unter dem das glattrasirte 
regelmäßige Gesicht mit freundlich-klugen blauen Augen durch die 
goldene Brille hervorsah, das Kinn in eine handbreite schwarze 
oder buntleinene Cravatte eingetaucht. So erschien er alljähr— 
lich zur Sommerfrische in Baden-Baden, wo er in jede Bude 
eintrat, um an die Verkäuferinnen galante Scherze zu richten, 
ohne je etwas zu kaufen. Er gehörte zu den stehenden Figuren 
des Orts, und man lachte freundlich über seine eben so stehend 
gewordenen Witzworte. 
Mir, der ich oft in seinem Hause dort zu Gast war, bewies 
er das herzlichste Wohlwollen, bis ich die Tochter Kugler's heim⸗ 
führte, während er selbst mir eine reiche Erbin zugedacht hatte.
	        
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