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Jugenderinnerungen IV. Ein Jahr in Italien

Full text: Jugenderinnerungen und Bekenntnisse / Heyse, Paul (Public Domain)

IV. Ein Jahr in Italien. 
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die dann so bald ihn hinraffen sollte. Seine treffliche, charakter⸗ 
volle Frau hatte ihn nach Rom geführt, in der Hoffnung, sein 
verstörtes Gemüth werde sich in der Nähe seiner geistesverwandten 
großen Vorgänger beruhigen. Ich sah an ihrem tieftraurigen 
Buück, als ich sie in einer Trattorie begrüßte, daß sie an diesem 
Heilversuch bereits zu verzweifeln begonnen hatte. 
Unter all meinen Malerfreunden der Stammfreund aber 
war der mir von Berlin her bekannte Julius Muhr, der mit 
Echter zusammen die großen Kaulbach'schen Wandgemälde im 
neuen Museum in enkaustischer Technik ausgeführt hatte. Durch 
diese jahrelange Frohne im Dienst eines anderen Meisters 
von sehr ausgesprochener Eigenart war seine selbständige künst— 
lerische Entwicklung gehemmt worden, was er hier in Rom 
erst recht mit Schmerz empfand, so daß er es in der ersten Zeit 
nicht übers Herz brachte, einen Pinsel anzurühren. Er war in 
seiner feinen Bescheidenheit und Herzenswärme ein so erfreulicher 
Kamerad, daß wir ihn bald lieb gewinnen mußten. Ein weiteres 
Band zwischen uns war seine heimliche und im Stillen er— 
wiederte Herzensneigung zu einem auch mir bekannten liebens⸗ 
würdigen Berliner Fräulein, Mathilde v. Colomb, die er erst 
neun Jahre später heimführen konnte. Leider sollte das Glück 
dieser Ehe nicht lange dauern, da er schon 1865, nachdem wir 
in München vier Jahre lang die alte römische Kameradschaft 
erneuert hatten, uns durch den Tod entrissen wurde. Seine 
Wittwe ist mir bis zum heutigen Tage in ältester herzlicher 
Freundschaft verbunden geblieben. 
Auch Muhr aber hatte endlich wieder zu malen angefangen, 
sogar ein größeres Bild aus der Sirtinischen Kapelle entworfen, in 
der während einer feierlichen Function Seine Heiligkeit der Papst 
und sämmtliche Cardinäle versammelt erschienen. Einflußreiche 
geistliche Würdenträger hatten ihm ihre Protection und sogar 
einige Sitzungen gewährt, in der stillen Hoffnung, den jüdischen 
Künstler dadurch zur Taufe zu locken, was ihnen freilich mißlang. 
Daneben aber wurde unser Freund noch immer von dem Romweh 
geplagt, das alle redlichen Künstler befällt, die vom Norden in
	        
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