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Jugenderinnerungen II. Berliner Lehrjahre

Full text: Jugenderinnerungen und Bekenntnisse / Heyse, Paul (Public Domain)

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II. Berliner Lehrjahre. 
weiß, daß Niemand unter seinem bürgerlichen Namen Mitglied 
war, sondern Jeder einen Tunnelnamen erhielt, der den Vortheil 
gewährte, daß alle Rücksicht auf Rang und Stand ferngehalten 
wurde. So scheute man sich nicht, da eine unbedingte Offenherzig⸗ 
keit herrschte, einem Anakreon, Cook oder Lessing ins Gesicht zu 
sagen, was man dem Geheimrath A. oder dem Oberst N. N. 
gegenüber doch wohl für unschicklich gehalten hätte. Allen 
aber war es stets um die Sache zu thun. Und da bei der 
Umfrage nach einer Vorlesung Jeder sein Urtheil abgeben und 
begründen mußte, hatte diese schulmäßige Einrichtung zugleich den 
Vortheil, auch die Schüchternen in freier, zusammenhängender 
Aussprache über ästhetische Themata zu üben. 
Man hatte mir, da ich ein sehr sentimentales, todesahnung⸗ 
erfülltes Gedicht vorgelesen hatte, den Namen Hölty gegeben. 
Ich zeigte bald ein anderes Gesicht mit minder elegischen Zügen 
und muß mich sogar anklagen, daß ich oft die Bescheidenheit 
vergaß, die meiner Jugend geziemt hätte, und dilettantischen 
alten Herren, von deren talentlosen Versen man billig überhaupt 
nicht viel Redens hätte machen sollen, rücksichtslos zu Leibe ging. 
Man verzieh mir aber dergleichen Unarten, da man meine raschen 
Fortschritte sah und sie zum Theil der erzieherischen Kraft des 
Tunnels zum Verdienst anrechnete. Und da ich die „Späne“ 
Fontane's, Lepel's, Scherenberg's und anderer wahrhaft Be— 
gabter mit großer Wärme anerkannte, gewann ich gerade unter 
den Besten Freunde, denen ich durch mein ganzes Leben ver— 
bunden blieb. Hier im Tunnel 1851 las ich meine erste Novelle, 
„Marion“, und die Erzählung in Versen „Die Brüder“, die bei 
der ausgeschriebenen Doppelconcurrenz für die beste Erzählung 
in Prosa und Versen beide den Preis erhielten. Ich verhehlte 
mir nicht, daß hier, wie bei dem Eindruck alles Künstlerischen 
auf jedes Publikum, der Werth und Reiz des Stoffes den Aus— 
schlag bei der Beurtheilung gegeben hatte. Doch war ich sehr 
glücklich und von da an, da ich mir nun die Ziele immer höher 
steckte, vor jeder Ueberhebung bewahrt. 
Geibel hatte sich, wie schon angedeutet, dem Tunnel beharr—
	        
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