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4) [Brief vom] 23. Febr. 1828

Full text: Ludwig Börnes Berliner Briefe 1828 / Börne, Ludwig (Public Domain)

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erhielt ich heute. Rg's Geschichte interessirte mich sehr. 
Daß er sich nur nicht beunruhige. Die Kälte der Juden 
und Schufte ist es hauptsächlich, die ihnen ein solches 
Übergewicht über uns ehrliche Leute giebt. Wenn er von 
Eder den Prozeß führen läßt, das ist gewiß das Beste. 
Fragen Sie den Rg., ob nicht ein Fehler geschehen, daß 
sie in meinem Hause, und dann Dr. Goldschmidt die 
Klage der Theaterdirection gegen mich in Hände ge— 
nommen, ob das nicht als eine Insinuation angesehen 
werde, und man mir den Termin anrechnen werde? — 
Gehen Sie doch gleich zu Worms, und kündigen Sie, wie 
verabredet, die beiden Stuben auf. — Schreiben Sie mir 
doch genauer, als es in Ihrem vorigen Briefe geschehen: 
1. Wie viel jeder meiner Wechsel betrage? 2. Wann jeder 
derselben völlig? 8. Wie viel baares Geld Sie noch be⸗ 
kommen? 4. Ob und wie Samuel die 600 fl. angelegt? 
Doch erkundigen Sie sich nach letzterem mit Bescheidenheit, 
denn wenn Samuel das Geld baar liegen laßen, um es 
immer zu meiner Disposition zu haben, ist es mir auch 
recht. — Ich will nächstens alle Ihre Briefe noch einmal 
durchlesen, und sehen, ob mir etwas darin zu beantworten 
bleibt. Ich bin noch gar nicht recht im Takte. Aus 
meinem Stillleben plötzlich in eine geräuschvolle Welt ver⸗ 
sezt, schwindelt mich etwas. Es ist doch hier schon sehr 
großstädtisch, und für mich fast mehr als Paris, weil ich 
dort so einsam gelebt. Ich habe eigentlich die größte Zeit 
meines Lebens in der Einsamkeit zugebracht, weil ich selbst 
in großen Städten mich von Menschen entfernt gehalten. 
Ich glaube, das giebt mir hier etwas frisches, etwas Jung⸗ 
fräuliches, was den Leuten gefallen muß. Meine Artig⸗ 
keiten sind selbst erfunden, nicht der feinen Welt ab— 
gelernte. Ich muß mich jezt besinnen, wo ich in meiner 
Biographie stehen geblieben bin. Gestern habe ich bei 
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