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II. Teil: Der Zirkus IV. Kapitel: Hamlet

Volltext : Zirkus Reinhardt / Baumgarten, Franz Ferdinand (Public Domain)

Im Zirkus spielt man den „Hamlet“ olme Dekorationen.
Das ist kein Vorzug. Dekorationslosigkeit ist kein Stilpostulat
Shakespeares und keine. historische Treue. Analogien des Negativen
 gibt es überhaupt nicht. Weder der Exerzierplatz, noch
die Stierkampf-Arena kennen Kulissen. Deshalb sind sie noch
lange keine Analoga der Shakespeare-Bühne. Der dekorationslose
 Zirkus-„Hamlet‘“ ist aber auch noch ein „Hamlet“ in freier
Luft. Das ist nicht nur ein Verstoß gegen die Historie, was
uns ja gleichgültig sein könnte, sondern auch gegen das ewige
Formgesetz Shakespeares. Der angebliche Historismus des
Zirkus-„Hamlet‘“ ist, wie es sich auch hier wieder zeigt, ein
Archaisieren mit mißverstandenen Nebensachen und das Uebersehen
 des Ewigen im Historisch-Einmaligen.
Der „Hamlet“ spielte in der hinten von einer Bogenarchitektur
 abgeschlossenen Orchestra: der Schauplatz ist
als Außenraum charakterisiert. .Die Phantasie des Zuschauers
kann ihn wohl als Schloßterrasse, als Friedhof, als freies Feld
ausmalen, nie und nimmer aber kann sie ihn als Innenraum hinnehmen.
 Der dänische Hof muß dem outdoor-life frönen und
alles im Freien verrichten wie an der Seeküste Londoner Sonnabend-Ausflügler,
 die die Zimmermiete sparen wollten. Im Freien
versammelt der König seinen Hof, obwohl bei Fackellicht, spielt
man doch im Freien Theater, und ins Freie stürzt aus dem Palast
heraus die Königin zur Unterredung mit dem Sohn, die niemand
hören soll. Es ist die menschlich tiefste Szene, der Mittelpunkt
der Tragödie. Hier wurde sie komisch als Freiluft-Szene. Die
jalsche Regie der Geistererscheinung während dieser Unterredung
 war eine Folge der unmöglichen Raum-Charakterisierung.
Shakespeare glaubt, daß Hamlets Vater geistert, und daß Macbeth
 behext ist; er glaubt an Geister und Hexen wie sein König
Jacob, der Hexen verbrennen ließ und über Geister höchst gelahrte
 Bücher schrieb. Der Geist auf der Schloßterrasse ist
Realität. Nicht nur der Sohn, auch: die Wache sieht und hört
ihn. Hingegen ist die Geistererscheinung in der Unterredungs-Szene
 eine Halluzination. Hamlet kommt von der Theatervorstellung,
 die ihm die Gewißheit des Mordes brachte. In seinem
Hirn wohnt der Vater. So sieht er ihn auch heraustreten aus dem
Porträt an der Zimmerwand, als er die Mutter‘ darauf hinweist.
Nicht sie, nur er sieht den Geist. Im freien Raum des Zirkus war
kein Bild unterzubringen. Die Unterscheidung von Geist und
Halluzination, die Absicht Shakespeares, war unausführbar. Es
wurde nicht schaubar, daß Hamlets Zerrüttung schon bis zum
Geistersehen gediehen ist. Die Steigerung fiel weg. So wurden
auch andere „Hamlet“-Szenen des Fluidums beraubt und in
Komik getaucht. Das Shakespeareschste, der Hauch und der
Geruch, der Bann und die Verzauberung, blieb aus.

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