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Zweiter Hauptteil. Friedrich Wilhelm IV. und die Berliner Märzrevolution Viertes Kapitel. Der Abzug der Truppen aus den Stellungen vor den Barrikaden

Full text: Deutschland, König Friedrich Wilhelm IV. und die Berliner Märzrevolution / Rachfahl, Felix (Public Domain)

Der Abzug der Truppen aus den Stellungen vor den Barrikaden. 229 
der Königstralse und in deren Nachbarschaft aufgestellten 
Truppen in eine höchst unangenehme Lage. Sie wurden von 
den Massen umdrängt und belästigt, sodals ein neuer Zusammen- 
stofs kaum noch zu vermeiden war. Daher war für sie der 
von dem Leutnant v. l’Estocqg überbrachte Befehl eine Art von 
Erlösung, und man trat den Rückzug nach dem Schlosse hin 
sofort an, indem man die Niederlegung der Barrikade auf dem 
Alexanderplatze nicht erst abwartete. Sowohl diese, als auch 
verschiedene andere Barrikaden blieben mit ihrem vollständigen 
Verteidigungsapparate noch den ganzen Tag über unversehrt 
stehen. ! 
Falls auch nur an einigen Orten die von Prittwitz über- 
sandte Ordre ausgeführt wurde, so konnte nimmermehr ein 
An dieser Versäumnis des Generals von Prittwitz sei Bodelschwingh un- 
schuldig, nicht so an dem Rückzuge und an der Räumung des Schlosses. 
Der König fügte hinzu: „Ich habe keine rancune gegen Prittwitz, aber so ver- 
hält sich die Sache, wie aus der Proklamation hervorgeht.“ Diese Äußse- 
rungen beweisen.nur, dafs sich der König von den Vorgängen ein falsches 
Bild machte. Prittwitz hat thatsächlich zunächst nur nach Räumung der 
Barrikaden die Truppen zurückziehen wollen und dadurch sogar gegen die 
durch Bodelschwingh überbrachte Willenserklärung des Königs eigen- 
mächtig verstofßsen. Ob er übrigens rechtzeitig Kenntnis von der Gefangen- 
nehmung Möllendorfs erhielt, um noch darauf durch einen Angriff 
gegen die nächste Barrikade antworten zu können, ist sehr fraglich; denn 
Möllendor£f wurde ja, als er in die Gefangenschaft geriet, von seinen 
Truppen abgeschnitten, und selbst diese wulsten vermutlich zunächst noch 
nichts von dem Schicksale, das ihrem Generale zugestofsen war. Gerade- 
zu unerfindlich ist es, inwiefern die Schuld am Rückzuge und an der 
Räumung des Schlosses Bodelschwingh treffen soll. Was den Rückzug 
betrifft, so hat Bodelschwingh einfach den Befehl des Königs in der von 
diesem beliebten Fassung mitgeteilt, und zwar höchst wahrscheinlich,. wie 
wir sahen, nicht ohne dagegen Widerspruch eingelegt zu haben; er hatte 
ferner in seiner Ansprache im Sternensaale ausdrücklich erwähnt, dafs das 
Schlofs u. s. w. mit starker Hand besetzt zu halten sei. Wenn dies trotz- 
dem nicht geschah, so lag das an Prittwitz, und in dieser Hinsicht konnte 
der König gegen ihn gerechtfertigte Vorwürfe erheben. Die Berufung auf 
die Proklamation endlich kehrte in Wahrheit ihre Spitze gegen den Herr- 
Scher selbst; denn er selbst hatte seinem Aufrufe zuwidergehandelt, indem 
er den Abzug der Truppen vor der Räumung der Barrikaden bewilligt hatte. 
1) Wolff I, S. 223.
	        
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