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Malerei des Nordens (Berlin 1900)

Full text: Skizzen und Silhouetten / Hermann, Georg (Public Domain)

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Malerei des Nordens. 
(BERLIN 1900.) 
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Ueber die roten Geranien vor dem Fenster, die in dar Sonne flammen, 
alicken mir die grünen Berge auf das Papier, während ich dieses schreibe, 
ınd die alte Klosterkirche — mir gegenüber — steht weiss und rot mit ihrem 
Zwiebelturm in der grellen Sonne. Jedes Ding hat volle Farbe und leuchtet 
für sich — scheinbar auf eigene Faust; — der Gesamtton, die Stimmung, 
ler Schleier der Luft’ ist kaum bemerkbar — selbst die blauen Fernen sind 
noch klar und scharf wie auf alten Bildern. Ueberall hier Licht und Farbe; 
Sonnenglut und Sonnenstille — über den tausend bunten Blüten des Pfarr- 
gartens. Leuchtende Strahlen über den grünen, schnellen Strudeln der Ache. 
Und wenn man hier umherstreift durch die Wälder mit ihren tausend Heim- 
lichkeiten, mit ihrem Goldschimmer über moosigen Blöcken, wenn man durch 
Dörfer und Städtchen geht, und überall die Zeichen alter, reicher Kultur ge- 
wahrt, auf Schritt und Tritt Spuren von Kunst sieht, die in das Leben ein- 
greift, in Haus und Kirche — überall Heiligenbilder, überall Holzschnitzerei 
and kunstvolle alte Eisenarbeiten, Wirtsschilder, hübsch gegliederte Erker und 
vausenderlei — so ist es doch in all dieser sonnigen, kulturfreudigen Pracht 
als wären wir darin fremd und als triebe uns eine andere Sehnsucht. Es ist 
als blendete unser Auge dieses volle Licht, als wären wir zu armselig für diese 
volle, kräftige Kunst. Es ist, als suchten wir feinere intimere Reize, als früge 
unsere Sehnsucht nach Ton und Helldunkel, nach silbergrauen Tagen, nach 
den langen Horizontalen der Ebene statt nach den starken aufsteigenden Linien 
der Berge; und aus all den vollen Formen dieser Bauern-Renaissance, sehnen 
wir uns nach der glatten, farbenzarten Einfachheit altväterischer Stuben, sehnen 
ıns von dem freudigen Geplauder lustiger Menschen, die Herz und Witz auf
	        
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