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Altes und Neues

Full text: Skizzen und Silhouetten / Hermann, Georg (Public Domain)

versuche nur einmal an einem guten Gemälde rechts - oder links etwas zuzu- 
setzen oder fortzunehmen und man wird sehen, wie das Ganze sogleich jeg- 
liche Harmonie einbüsst. Was uns aber heute an einem Bild stört, ist eine 
Komposition nach Regeln, eine bestimmte feststehende Anordnung der Figuren, 
ein Schema des Gruppenaufbaus, mit einem Wort: akademische Linien, Was 
uns stört, ist der bestimmte stets wiederkehrende Lichteinfall, die sich immer 
gleichbleibende Gruppirung von Hell und Dunkel, eine bestimmte schematisch 
konstruirie Perspektive: all die Dinge, die man seinerzeit unerlässlich erlernen 
musste, um Bilder zu malen. Die Fluthwelle, welche von Japan aus über 
die europäische Kunst hereinbrach, hat uns gelehrt, mit all diesen Dingen zu 
brechen. Wir wollen nicht mehr die Natur korrigieren, sondern lauschen ihr 
ihre Geheimnisse der Wirkung ab, sehen, wie sie komponirt: Dadurch, dass 
sie die Dinge einfach in den Raum stellt, in bestimmten Zwischenräumen 
von einander anordnet; — sehen, wie sie komponirt, gleichmässig mit 
Form und Farbe. Wir haben gelernt, den Naturausschnitt in anderer Weise 
zu wählen als die vor uns -— freier, interessanter, lebensvoller und künst- 
ijerischer. Wie wir uns von den starren Regeln einer akademischen Form 
befreit haben, so suchen wir uns auch heute von dem Modell zu befreien. 
Was uns heute‘ am Anekdoten- und Historienbild besonders stört, ist das 
Durchschimmern des Modells, welches noch nirgends überwunden ist. Es ist 
und bleibt eben der Statist, der auf der Bühne den König darzustellen hat, 
and wenn er in tragischer Pose stirbt, so möchte man denen, die vom seinen 
letzten Zuckungen ergriffen werden, zurufen: Aber, liebe Freunde, wenn ihr 
len Mann nachher beim Abendbrot sehen würdet, möchtet ihr selbst darüber 
iachen, dass ihr Euch hier von ihm habt rühren lassen. 
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Man hat unsern heutigen Künstlern oft vorgeworfen, dass sie nicht mehr 
so gut und korrekt zeichneten, wie die vor 30 Jahren, Zu unrecht; der ab- 
strakte, akademische Strich, die verschönte, scharf umgrenzte Form wird von 
ihnen nicht gepflegt. Man hat eben begriffen, dass ein Zeichnen in diesem 
Sinne ein Unding, da es die Natur erstarren lässt, ihr Gewalt anthut, aus 
Lebendem Gipsmodelle schafft. Man hat begriffen, dass es auch bei der 
Zeichnung darauf ankommt, den malerischen Wesenseindruck des Darzu- 
stellenden zu erfassen, dass es darauf ankommt, das Leben, die Bewegung 
zu geben. Und so ist die Zeichnung der Modernen zwar nicht korrekt im 
Sinne einer akademischen Vorschrift, aber sie ist bestrebt, den Charakter, das
	        
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