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Bedingungen und Wege zur künstlerischen Erziehung

Full text: Skizzen und Silhouetten / Hermann, Georg (Public Domain)

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man mir einwenden, — das hiesse ja gerade den Teufel mit Belzebub ver- 
treiben, oder zur Lösung einer Gleichung für eine Unbekannte eine zweite 
Unbekannte einsetzen. Nicht ganz, liebe Herren; der Weg, den wir bei der 
Karikatur zu dem eigentlich Künstlerischen nehmen, ist der, welcher für die 
Menge am leichtesten gangbar ist; — er geht vom Leben, das ein jeder um 
sich sieht, aus über unsern Intellekt zum eigentlichen Künstlerischen und 
kehrt wieder zum Leben zurück. Ich will deutlicher werden: Die Karikatur 
ist inhaltlich leicht und allgemein verständlich. Sie giebt das in charakte- 
ristischer Uebertreibung, unter einem gewissen Gesichtswinkel gesehen, was 
uns täglich das Leben vorübertreibt, und sie dringt, mehr denn die Unika 
der künstlerischen Leistung, in das Volk ein. Sie ist Kunst, welche man mit 
sich umhertragen kann, um einige Groschen erhältlich. Sie ist von ewiger 
Beweglichkeit, stets nach neuen Sphären des gesellschaftlichen Lebens aus- 
schauend; sie ist von Schmiegsamkeit und sucht für jede neue Form des 
Daseins, jeden neuen Stand, jeden neuen Sport, jedes neue Verkehrsmittel, 
nach Ausdrucksformen in ihrem Sinne; sie ist Journalistik ins Künstlerische 
übertragen. Auch der Ungebildetste freut sich mit ihr und findet zu ihr Be- 
-ührungspunkte. Er sieht, wie die Dinge gezeichnet sind, erfasst, wieder- 
gegeben, was in einem Rahmen vereint; er sieht wie die charakteristischen 
Formen und Farben betont sind, wie die Personen statuarisch hingeschrieben, 
und er überträgt es instinktiv auf das Leben selbst; er lernt im Sinne dieser 
Zeichner sehen, es ist eine künstlerische Anschauung, die er gewinnt. Denken 
wir an den Simplicissimus und seine Zeichner. Weshalb das Blatt gelesen 
wird und zuerst gelesen wurde, ist klar; nicht wegen seiner Qualitäten, 
sondern wegen der Note des herben Spottes, wegen des Witzes; wäre nicht 
der Begriff der Karikatur in Heine oder Paul, wäre nicht das treffende Be- 
gleitwort, so hätten nur wenige Verständnis gezeigt, die meisten wären achtlos 
daran vorübergegangen. Aber langsam gewöhnte man sich an das Gewand 
dieser schroffen Persönlichkeiten. Erst war es der Witz, die Feinheit der 
Beobachtung, die lockte, doch heute giebt es schon — wie ich mich oft 
überzeugte — eine rechte Anzahl von Menschen, die genau und scharf die 
künstlerischen Qualitäten der Zeichner zu unterscheiden und einzuschätzen 
wissen, die bei einem Wilke die geistvolle Fleckenverteilung und das Male- 
tische, Farbige der Schwarzweiss-Technik geniessen und wirklich diese Zeichner 
nicht allein wegen ihres Witzes, sondern wegen ihres Könnens, ihrer Künst- 
lerschaft hochschätzen und sich an ihr erziehen. Ja sicherlich, das Witzblatt 
ist ein erziehliches Moment, denn es ist Thatsache, dass eine grosse Anzahl
	        
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