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Rudyard Kipling

Full text: Skizzen und Silhouetten / Hermann, Georg (Public Domain)

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201 EP 
Es ist ein seltsames Land, dieses Indien, aber es wird nicht gleichmässig 
von Tigern, Brillenschlangen und eingeborenen Soldaten bewohnt, wie man 
in England annimmt; es hat ein eigenes Leben in der Kolonie entwickelt 
mit Klub und Spielen, mit Polo, Tennis und Spazierritten, mit Banketten, 
Festen und Tänzen, mit einem komplizierten Verwaltungskörper, Aemterjagd, 
Vizekönig und Kasernen; mit wenig Arbeit, leidlichem Verdienst, viel Ver- 
gnügungen — und man meint leichthin, all diese Dinge wären ernst zu 
nehmen, und es wäre gerade so wie daheim, wo himmelhohe Häuser eng 
gedrängt ‚im Nebel stehen. Aber nur allzubald merkt der junge Mensch, der 
von seiner sicheren, vernünftig geordneten Heimat herüberkommt, dass über- 
all ihn Grenzen umgeben, dass er auf einem verlorenen Posten steht. Tücken 
des Klimas, unerklärliche geheime Geschehnisse, ein unterwürfiges, feindliches 
Volk, das ihn umgiebt; und im Augenblick, wo er die sichere Station ver- 
lässt, hinauskommt in den Aussendienst, vielleicht zum Bau der Bahnen, dann 
steht er mutterseelenallein in einer heimtückischen weiten Welt voller un- 
heimlicher Rätsel, und Pferd und Hund sind ihm treuer als seine Diener. 
Dann packen ihn Furcht und Fieber, dann umgeben ihn Gesichte, welche 
ihn quälen bis auf’s Blut, bis zum Tode. Oder jemand verliert plötzlich 
seine Fähigkeit des Denkens, bricht unter Erscheinungen furchtbarer Angst 
geistig zusammen; er, der erst disputierte, grübelte, der Neuling in Indien 
wird jetzt ebenso wie seine älteren Klubgenossen, welche das Leben gehen 
{assen wie es geht; sie wissen ja, es währt ohnehin nicht allzulange. Greift 
anch die schwarze Hand grausam hinein in ein junges Menschendasein, und 
vollziehen sich auch schwere Schicksale, ertrinkt Leben in Angst und Grauen, 
steigt spukhafte Liebe aus dem Grab empor und treibt in Wahnsinn — das 
Lachen ist doch heller, das Flirten lustiger; — und wenn wirklich einer fällt, 
andere treten in die Lücke, der Mechanismus des Staates arbeitet unentwegt 
weiter, und nach vierzehn Tagen ist der Gefallene vergessen. So ging es 
dem „Jungen“, dem Leutnant, der alles in Indien ernst nahm, der sich um 
Weiber grämte, „die nicht wert waren, dass man ein Pferd sattelte, um zu 
ihnen zu reiten“, der angepfiffen wurde vom Major und sich erschoss draussen 
in der Einsamkeit. Aber wozu solche Dinge den Eltern mitteilen; man er- 
findet ein Märchen von Cholera und beklagt, dass der Verschiedene aus einer 
glänzenden Karriere gerissen wurde. Wozu den Leuten sagen, dass sie sterben 
müssen, sie werden es ohnehin schon merken; die grossen Dinge des Lebens 
sind ernst genug, darum Iustig im Klub trotz der Hitze, lachen und plaudern, 
wohl auch ein wenig fluchen und zoten, Die kleinen Liebeleien der Offiziere
	        
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