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Bedingungen und Wege zur künstlerischen Erziehung

Full text: Skizzen und Silhouetten / Hermann, Georg (Public Domain)

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Biedermaierstyl unrettbar versank und dahinstarb, da waren mit einem Mal 
sämtliche Brücken abgebrochen, die aus dem Leben des Einzelnen zur Kunst 
führten ; das, worin sich bei ihm Leben und Kunst am innigsten berührten, 
äel fort, brach zugleich mit der kulturellen Tradition. Es dreht sich gar- 
nicht hier um die Frage: neue oder alte Kunst? — ein Rokokkosaal ist an 
sich ebenso künstlerisch wertvoll, wie ein Zimmer van de Veldes —, sondern 
ich gebe dem modernen Kunstgewerbe für die Schaffung des neuen bürger- 
lichen Heims nur deshalb den Vorzug, weil die Welt — ebenso wie der 
Einzelne eine Liebe, eine Freundschaft nicht zum zweiten Mal durchleben 
kann — keinen Stil, der sich einmal abgelebt, wieder von neuem beleben 
könnte und fortentwickeln, und weil das moderne Kunstgewerbe — bei allen 
Fehlgriffen — doch eine analoge Entwicklung nimmt, wie sie die bildende 
Kunst der letzten Jahrzehnte genommen. Und dann möchte ich ihm als 
<unsterziehliches Mittel noch deshalb vor anderen Stilen den Vorzug geben, 
weil es am stärksten, klarsten und einfachsten die Grundgesetze der dekora- 
:ativen Wirkung in Form, Farbe und Schmuckanordnung zum Ausdruck 
bringt. In guten Händen mit seiner bürgerlichen Ruhe und seiner simplen 
Farbenfreude ist es ein Wiederspiel unserer heutigen Weltanschauung. Ich 
verspreche mir viel vom Sieg des modernen Kunstgewerbes für den Massen- 
vertrieb, wohlverstanden vom Sieg, nicht von seiner Verflachung und Ver- 
wässerung im Massenvertrieb, aber ich weiss wohl, dass es im Grunde keine 
Frage des Geschmacks, sondern eine Frage nationalökonomischen Sinnes. 
Das Unternehmertum, welches im alten Fahrwasser gut weiterkommt, wird 
sich hüten, einen neuen Weg einzuschlagen , auf das Risiko hin, nicht zu 
reüssieren. Die gänzliche Umformung des Betriebes, die gewissenhafte Er- 
ziehung des Handwerkers, das sind Dinge, denen sie sich -— mag für das 
Neue noch so sehr Bedürfnis vorhanden sein — nicht unterziehen, solange 
sie Absatzgebiete für ihren aufgeputzten, geschmacklosen Plunder haben. Hat 
aber erst einmal jemand den Mut, mit den Kräften des Grosskapitals und 
mit verhältnismässig geringerem Nutzen einfache moderne Möbel und Zimmer 
auf den Markt zu bringen, so wird der Bann gebrochen sein und die ganze 
Gegnerschaft in das neue Lager ziehen. Und wenn es auch nicht aus irgend 
welchen ideellen Rücksichten, sondern einfach um den lieben Groschen ge- 
schieht, so wird doch dieser Sieg des modernen Kunstgewerbes viel beitragen 
zur Hebung des kunstkritischen Sinnes. 
Und weitere Mittel zur Hebung der künstlerischen Erziehung sehe ich 
im Plakat, und mehr noch in dem Aufblühen der Karikatur. Ja — mag
	        
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