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Jung Berlin

Full text: Skizzen und Silhouetten / Hermann, Georg (Public Domain)

fingerig mit verdickten Endgliedern und runden versenkten Nägeln; wenn er 
nun noch früher die Spitze eines Zeigefingers abbiegen konnte, dass sie wie 
ein Tellerchen mit einer Wurstscheibe aussah, war er ganz erfreut. Und 
Stiefel liebt er: Kommisstiefel, breit, rund, nägelbeschlagen, über den Zehen 
eingesunken, echt deutsches Dorfschusterfabrikat mit Hufeisen geziert; und 
Beinkleider, die zu weit sind und Zitterfalten schlagen und Röcke, welche 
der Schneider verpasst hat — das amüsiert ihn; und Brillen, welche die Augen 
zu runden Eulenglotzen verziehen — die machen ihm Freude. So realistisch 
man seine Arbeiten nennen mag, so überraschend scharf jede Beobachtung, 
so ist doch alles was er giebt in Feiningers Jargon übertragen — und im 
letzten Grunde ist es eigentlich romanıscher Humor, wie ihn Tieck, Amadeus 
Hofmann hatte. , 
Feininger ist Autodidakt, hat ein oder zwei Semester die Akademie be- 
sucht, aber auf Geldverdienst angewiesen und dem Drill abhold, hat er nur 
wenig profitiert. Seine frühen Arbeiten im Ulk, die fast kindlich burlesk ge- 
zeichnet, sowie Märchenbilder, welche er für amerikanische Magazine schuf, 
sind mangelhafter im Können, aber fast persönlicher wie manches, was er heute 
zu Wege bringt, wo ihm Zeichnen und Routine zur Seite steht. Grade die 
liebenswürdige ungetrübte Naivetät dieser Blättchen, das krause, barocke, kind- 
liche Linienspiel, diese spukhafte Spielzeugwelt entzückte und überraschte, Die 
ewige Frohnarbeit, — Woche für Woche — hat aber nur selten vermocht 
der glänzenden Begabung Abbruch zu thun, und sie ist rein aus dem Feuer 
hervorgegangen. So sehr sich Feininger technisch verändert, entwickelt, ge- 
modelt — aus dem Zeichner wurde ein Maler des Stifts, ein Künstler in der 
Anwendung der Reproduktionsverfahren — ihm ist diese Liebe, diese Naivetät 
geblieben, die Arbeiten sind nicht routiniert hingehauen, sondern mit Freude 
und gewisser künstlerischer Naivetät gegeben. Dieser Deutsch-Amerikaner ist 
die typischste Begabung „Jung-Berlins“, giebt das getreueste Abbild der 
hiesigen Lebensfaktoren, seine Karikaturen auf Eisenbahnwesen sind so klassisch 
wie die auf den Radsport und eine spätere Zeit wird die Arbeiten im 
„Narrenschiff‘“ suchen und teuer bezahlen als Dokumente der „Berliner Kunst“ 
— jenes „Frühlings-Hungerblümchens‘“. Von einer Begabung, die durch jahre- 
langes arbeiten für „berliner‘‘ Witzblätter nicht unterdrückt und erschöpft 
wurde, lässt sich noch viel erwarten. Wer — wie ich -— den Zeichner seit 
Jahren kennt, und weiss unter welchen äusseren Umständen er arbeitete, welche 
traurigen Familienereignisse er durchlebte, wer ihn in irgendwelchen charakterlosen 
Chambregarniebuden besuchte, wo seine geliebte „Maschine“ und einige ölige
	        
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