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Jung Berlin

Full text: Skizzen und Silhouetten / Hermann, Georg (Public Domain)

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Wenn ich hier von „Jung Berlin“ spreche, so meine ich also die we- 
nigen Zeichner, von denen heute eine Umwertung unseres Lebens angebahnt 
wird, die wenigen, die hier eine starke persönliche Note aufweisen. Woran es 
liegt, dass sie sich nicht entfalten können, suchte ich oben zu umreissen. 
Im letzten Grunde ist es aber doch der Alleinherrscher Publikum, welcher 
sie niederhält; das liebe Berliner Publikum, das — wie weiland die Staven- 
hagner 1848 noch nicht „rip vor die hohe Politik“ — 1901 noch nicht „Tip 
vor die Kunst“ ist. Mit Ausnahme von Lionel Feininger, — der hier 
schon allgemein bekannt — sind es also Wechsel auf die Zukunft, die ich 
auszustellen gedenke, und ich werde mich freuen, wenn sie früher oder 
später eingelöst werden. Für heute prolongiere ich die Papiere auf unge- 
wisse Zeit. 
Sehr gross, sehr hager, etwas schmalbrüstig, englisch vornehm gekleidet, 
mit langen spitzen Schuhen, mit schlanken ausdrucksvollen Händen, einen 
breitkrämpigen, tiefgeknifften Quäkerhut über dem schmalen knochigen Gesicht, 
von Gang beweglich, etwas schlenkernd in Schultern und Hüften, im Verkehr 
einfach, bescheiden, liebenswürdig, in vertrauten Stunden von burleskem 
Jankeedudlehumor — so Lionel Feininger. Von deutschen Eltern in Amerika 
geboren, seit langen Jahren hier ansässig, ist er im Aussehen ganz und 
gar Amerikaner, im Empfinden aber ist er Berliner geworden. Neben seiner 
Kunst giebt es für ihn noch drei Dinge: Musizieren — und zwar ausschliess- 
lich Bachspielen; Bücher phantastischen Inhalts schmöckern — moderne 
Märchen, Spukgeschichten, Rittererzählungen, Novellen, Kiplings Dschungel- 
geschichten, Bret-Harte’s „ein Schiff von Anno Dazumal‘“; und drittens — Rad- 
fahren! — heute schon Radfahren — vordem Kilometerfressen. 
Als Amerikaner hat er eine Vorliebe und Verständnis für alles Tech- 
nische; modernen Sinn, für jede Art von Maschinenwesen: für Lokomotiven 
und Automobilen, Flugmaschinen, Ballons und Bycicles, Dynamos, Torpedo- 
boote, für Telephon- und Telegraphenwesen, Schreibmaschinen — für alles 
Technische, alle Hilfsmittel der Bewegung, des Transportes. Typisch für 
Feininger ist ferner eine seltsame Handfertigkeit; er pusselt für sein Leben 
gern, zimmert sich in monatelanger Arbeit mit bewundernswerter Ausdauer 
nach alten Stichen Schiffsmodelle zusammen, bizarre Tropensegler, die er bis auf 
den letzten Knoten der Takelage aufführt.
	        
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