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Hans Baluschek (1900)

Full text: Skizzen und Silhouetten / Hermann, Georg (Public Domain)

nnen, Kopf an Kopf, hundert verschiedene Gesichter und doch alle gemein- 
same Züge, alle die gleichen schlaff hängenden Mundwinkel; das Zeichen der 
Maschinenarbeit, alle die Zeichen von Skrophulose und schlechter Ernährung, 
junge und alte, gewiss viele Frauen darunter. Es soll hier nicht Arbeit ge- 
zeigt werden, die adelt — wie der Arbeiter Meuniers ein Adliger, ein Edler 
ist, sondern Arbeit, die entmenscht, degenerirt, die ein ganzes Viertel her- 
unterbringt. Von Baluschek’s Proletarier- und kleine Leutebildern hatte nur 
eines einen seltsam rührenden Beigeschmack. Der Kriegerverein „Düppel“, 
die alten Knaben, welche heimkommen von der Beerdigung eines Kameraden, 
vorn ein grosser Kopf, und die anderen mit ihren harten Gesichtern, den 
alten Röcken, den alten unförmigen, räudigen Zylindern kommen langsam 
über den Hügel, den Weg entlang. 
Gerade, dass Baluschek nie mit irgendwelchen Mitleidsgefühlen arbeitet, 
nie sich auf irgend einen äusseren Effekt stellt, sondern, dass er die Vorwürfe 
rein als eine Privatangelegenheit seines ästhetischen Empfindens auffasst, 
macht ihn so wahr, veranlasst das starke Nachwirken seiner Bilder in uns. 
SP 
als 
Irre ich nicht, so giebt es nun bald 7o Jahre die Eisenbahn, und es 
ziebt nicht zwanzig gute, künstlerische Darstellungen ihres Charakters, ihrer 
Funktion, ihres Betriebes, ihrer Anlage, der Bahnhöfe, der Güterbahnhöfe, 
der Lokomotivschuppen, der Blockhäuser. So wenig Zusammenhang haben 
heute Kunst und Leben; der wichtigste, am tiefsten einschneidende Kultur- 
faktor der Gegenwart bleibt einfach unbeachtet, ungemünzt. Höchstens zu 
allegorischen Darstellungen wird er verwandt. Meunier, der belgische Bild- 
hauer, ist meines Erachtens der erste, der uns einmal in seinen Pastellen die 
Poesie in der Kurve eines Bahnwalls, die Feinheit in überschnittenen Linien 
der Schienenstränge zeigte. — Aber ein Zola des Pinsels fehlt der Eisenbahn 
dennoch. Baluschek ist der Sohn eines Eisenbahningenieurs, haust oben in 
Schöneberg, über den Bahnsträngen, sieht herab auf ihre weiten Verzweigun- 
zen, ihre leuchtenden, wechselnden Signale, sieht die Züge von allen Seiten 
sich heranschieben in grossen, leuchtenden Bögen schlangengegliedert um die 
Ecken ziehn, sieht, wie die Schnellzüge rasselnd und stampfend in den Abend 
hinausjagen, dort, wo sich bei den flammenden Gasfabriken die Schienenwege 
teilen. Dass man da schon Liebe und Interesse zum Eisenbahnwesen be- 
kommen kann, ist verständlich, aber der Künstler besitzt auch genaueste 
Kenntnis des Betriebes. Vom Cyklus der „Eisenbahn“ waren die Bilder im
	        
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