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Giovanni Segantini

Full text: Skizzen und Silhouetten / Hermann, Georg (Public Domain)

wie wir Leute der Ebene ihn nie erblicken, ferne Schneeberge, vor denen 
dünne Luft zitterte; einen Weg: sah ich, der durch ein Feld von Alpenrosen 
führte, von jenem herrlichen Rot, wie sie es nur dort oben an der Schnee- 
grenze haben. An einer Quelle sitzt ein Genius mit grossen, weissen Flügeln, 
und den Weg entlang zu der Quelle schreiten leicht, wie schwebend, ein 
Jüngling und ein Mädchen. „Die Liebe an der Quelle des Lebens“. Und 
im Augenblick kam es über mich wie eine heilige Ergriffenheit, als hörte ich 
Gesang und Orgelbrausen; .und ehe ich es mich versah, rollten mir zwei 
Thränen über die Backen. Und da merkte ich, dass sich schon lange tief 
in mir eine bange Frage geregt hatte, und mich immer nach neuem, nur 
nach neuem forschen liess: „Was thut meine Seele bei alle dem?“ 
Hier sprach meine Seele. Hier war eine Kunst, die aus dem Innersten 
gequollen mit elementarer Macht und die mich aufrüttelte bis ins Innerste. 
Nur ganz Grosse haben diese Gewalt über unsere Herzen; und wir lieben und 
verehren sie. Heute aber, wo Giovanni Segantini dahingegangen ist, da ist 
es mir, als müsste ich ihm. noch einmal danken für das, was er mir geschenkt, 
was er Tausenden geschenkt hat und schenken wird. Er ist jung gestorben, 
kaum 42 Jahre alt; eine heimtückische Krankheit hat ihn überfallen und 
niedergeworfen, ehe Hülfe gebracht werden konnte. Und so traurig dies alles 
ist für den Menschen Segantini, für den Künstler Segantini ist es von keinerlei 
Bedeutung. Er wird nichts mehr schaffen, seine Thätigkeit ist abgeschlossen 
— aber Werdendes wird hier nicht zerstört, und das‘ Gewordene ist unzer- 
störbar. Die Persönlichkeit des Künstlers steht‘ so fest umrissen, so 
ehern und gewaltig da, so in sich abgeschlossen, dass mam kaum mut- 
massen kann: was hätte sie uns noch neues bieten können? Welche neuen 
Wirkungen hätte sie noch ihren technischen Mitteln, die alles zu geben ver- 
mochten, abgetrotzt, welche neuen Töne für die grossen Faktoren unseres 
Lebens gefunden? Wenn ein Talent ‘von uns geht, ehe es sein Werk vollendet 
hat, dann mag man klagen. 
Giovanni Segantini wurde 1858 zu Arco‘ geboren. Er verlor früh die 
Mutter. Der Vater zog nach Mailand. Dort war der Kleine in einer himmel- 
hohen Dachstube mit einer jüngeren Schwester völlig sich selbst überlassen. 
Siebenjährig lief er fort, um nach Frankreich zu wandern. Bald fanden ihn 
Battern, halbtot vor Hunger und Kälte; sie hatten Mitleid mit dem kleinen 
Kerichen; man nahm ihn auf, und siebenjährig wurde er Schweinehirt. Eines 
Tages zeichnete er das schönste Tier seiner Herde mit Kohle an seine Stall- 
thür; man wurde auf seine Begabung aufmerksam, nahm sich seiner an und
	        
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