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Arnold Böcklin (1901)

Full text: Skizzen und Silhouetten / Hermann, Georg (Public Domain)

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Wer wusste denn vordem, wie ein Frühling aussah? Zarte Lyriker 
hatten ihn besungen mit dünnen Stimmchen, Veilchen wagten sich hervor, 
keusch wie Luna, Schneeglöckchen läuteten Klingeling und Jünglinge und 
Jungfrauen gingen nebeneinander in schamhaftem Erröten. Wie leblich und 
zierlich. Ein Windchen blies und die Bäume wurden grün im Hain, wo die 
kleinen Vöglein sangen. Und nun? Tage des Werdens. Die Anemonen 
heben ihre Köpfe, wie verschlafene Amoretten auf Wiesen unter Büschen, 
die Sonne leuchtet, der Frühling kommt und schreitet mit schnellen Schritten 
dahin, Blumen ausstreuend, zu Tausenden. Bunte Muster heben sich im 
Rasen, blaue Scillen, gelbe Krokus, Tazetten, Veilchen und Hahnenfuss. Die 
Fernen zittern von Glanz und Duft, die Büsche werden grün und die Blätter 
leuchten goldig in der Sonne. Der Bach zieht tiefblau durch die buntge- 
musterten Wiesen, und der Wind treibt die Schäfchen in langen Streifen über 
den Himmel; Flieder und Rhododendron, Weissdorn, Rotdorn, Goldregen, 
Apfelbaum brechen fast zusammen unter der Last farbiger Blüten, die zu 
dichten Dolden geschart an den Zweigen kleben; weisse Villen bieten glück- 
licher Liebe Unterschlupf; Liebesgötter gaukeln mit Schmetterlingen um die 
Wette durch die weiche Luft, und an den sinnlich warmen Abenden klingen 
die Rohrflöten der Faune, die auf bemoosten Steinen sitzen, und sie locken 
die Dryaden aus ihren geheimen Verstecken, dass sie beseligt und bethört 
ihnen lauschen. Die Centauren stampfen in Sinnesfreude den Boden; schöne, 
üppige Frauen lustwandeln auf schmalen Wegen, keine sittsamen schlanken 
Gretchen, nein, voll, reif, Schleier enthüllen ihre Reize und sie scheinen 
Schwestern jener herrlichen Wesen, der olympischen Frauen, die uns Raffael 
in seinen Fresken der Farnesina schuf. Zu den Quellen kommen die bocks- 
beinigen Satyre, um müde gehetzt ihren Durst, aus der hohlen Hand trinkend, 
zu stillen. Und Inseln steigen aus dem Meer in ewigem Frühling, rote 
lammende Büsche darauf und goldige Blumenwiesen, und Menschen schreiten 
dahin in herrlicher Nacktheit; Nymphen ruhen auf dem Rücken zärtlich 
blickender Centauren, und Opferrauch steigt empor von kleinen Altären zu 
frohen, gütigen Göttern, ‘ Tausendfacher Frühling! Ewig, unvergänglich; ein 
Leben, das hinfliesst, wie ein schöner Traum, wo Frauen im Reigen sich 
schwingen, wo Harfenklänge ertönen, und alles still jubelt in Freude des 
Seins. Aber auch Töne von eigener seltener Schwermut klingen manchmal 
herein, doch nur einen Augenblick, dann jubelt es wieder empor, und manch- 
mal lacht es auf in lustigen Sprüngen der Satyre, in plumper Ueberkraft der 
gewichtigen Pferdemenschen. So tief in seinem Reichtum hat niemand das 
Fest der Erde vor ihm geschildert, nicht Tizian noch Rubens.
	        
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