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Hamburg. Stadt und Kunst (1901)

Full text: Skizzen und Silhouetten / Hermann, Georg (Public Domain)

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dieses zweite Gesicht erblicken, viele mögen stumpf vorüberziehen, — und 
Jeshalb soll hier von dem zweiten Gesichte Hamburgs gesprochen werden. 
Die Lichterscheinungen um Sonnenuntergang in Berlin und Potsdam 
sind schon merklich verschieden, von Berlin und Hamburg nicht zu reden 
Lichtwark, Erziehung des Farbensinns). 
Das Auffallendste für mich war der Unterschied der Luft zwischen Berlin 
und Hamburg und dementsprechend der Unterschied der Farbe. Schon auf 
lem Wege dorthin, selbst von der Eisenbahn gesehen, welche Verschiedenheit 
zwischen den Bredower Wiesen bei Nauen und den weiten Flächen mit den 
Herden zahlloser schwarz-weisser Rinder vor Friedrichsruh, in der Nähe Ham- 
burgs; dort noch alles hart, fast gläsern, hier weich und tonig; dort die 
Laubmassen der Bäume noch starr, blank, scharf umzogen, hier schon breite, 
warme Flächen, üppig in Form und Farbe, ausladend, hingewischt, Bäume wie 
aus den Bildern der Schotten genommen, oder bleiben wir im Lande —, wie 
von Thomas Herbst gemalt. Die Wärme der Töne, das Leuchten der Farben 
von innen heraus und hierzu der feine Schleier einer silbernen, ewig wasser- 
feuchten Luft, welcher alle Gegensätze zu einen weiss, haben mir meinen 
Aufenthalt in Hamburg zu einer steten Freude für das Auge gemacht; und ich 
begreife wohl, dass Hamburg, dessen Natur so angethan ist, den Farbensinn 
zu wecken und.zu erziehen, eine eigene Kunst hervorzubringen vermag. Auch 
wurde es mir bei dieser Luft, bei diesen Farben klar, warum Hamburg der 
einzige Ort Deutschlands blieb, welcher die holländische Kunst des 17. Jahr- 
hunderts bis auf die Architektur und den Innenraum verstand und in seiner 
Weise sich dienstbar zu machen wusste, selbst wenn wir von der Aehnlich- 
keit sozialer und politischer Verhältnisse hier absehen wollen. 
Die Morgen- und Abendstunden, die ich am Hafen und auf dem Wasser 
zubrachte, die Sonnenuntergänge mit goldigen Wolken zwischen tausenden von 
Masten und Schornsteinen; die Nachmittage an der Alster, wo in blauer Luft 
die weissen Schwäne über das Wasser ruderten und in gelben Höfen die 
Lichter der Laternen schwammen, während die kleinen Dampfer von fern her 
mit roten und grünen Augen angeschossen kamen; die Blicke von der Lom- 
bardsbrücke über die dunstige Stadt, aus deren Dächermeer grüne Kirchtürme 
durch einen Schleier emporwiesen; die Wege durch Gärten und Anlagen, da 
auf die schon gelben Laubmassen die müde Sonne herabstäubte, und alle 
Schatten an BuschZund Baum tiefblau erschienen: die Eisenbahnfahrt rund um
	        
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