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Zahntes Kapitel. Rückblick und Ausblick

Full text: Berlin wie es war und wurde / Pastor, Willy (Public Domain)

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Nuͤckblick und Ausblick. 
Um diese Schornsteine her, unter diesen Kuppeln und Hallen sammeln 
sich die Menschen aus den tausend und abertausend Straßen vor uns, hier 
erhaͤlt ihr Leben Sinn und Richtung, daß Millionen sich sammeln koͤnnen 
auf engem Gebiet, und ihre Lebensbahnen sich doch so wenig stoͤren, wie 
die eines Sternensystenms. Unter dem Zeichen der Ordnung haben die 
Kraͤfte der Stadt aufgehoͤrt explosiv zu wirken. Damit aber wurden sie 
tuͤchtig zu dem großen, planetaren Werke, das die Menschen in Staͤdten 
sich vereinigen ließ, und dessen Ziele wir heute endlich, nach so viel hundert 
Jahren dunklen Strebens, klarer sehen koͤnnen. 
Richtung der Kraft, das ist das Gesetz, das den Gegensatz des alten 
und neuen Berlins ausgleicht. Richtung der Kraft, das ist das Gesetz der 
Entwickelung des Organischen uͤberhaupt. In seinem Wesen erschließt sich 
uns das Wesen zugleich der Werke, die die Stadt zu unseren Fuͤßen und 
die Staͤdte ihrer Art noch schaffen werden. 
Einer unserer schlimmst verkannten Gelehrten, der Philosoph G. Th. 
Fechner, hat das Gesetz, um das es sich da handelt, zuerst erkannt und in 
Formel gebracht. Im Jahre 1873 veroͤffentlichte er ein Druckheft unter 
dem Titel „Einige Ideeen zur Schoͤpfungs- und Entwickelungsgeschichte der 
Organismen“. Er bekaͤmpfte da die Lehren der Darwinisten von der Her—⸗ 
tunft des Organischen aus dem Unorganischen durch die Gegenlehre einer 
allmaͤhlichen Entstehung unorganischer Zustaͤnde aus organischen. Den 
Hauptgrundsatz seiner Lehre bezeichnet er, etwas schwerfaͤllig, als das 
„Prinzip der Tendenz der Stabilitaͤt‘. In den „stableren“, mehr starren 
Zustaͤnden sieht Fechner die Formen des Unorganischen gebannt, in „in⸗ 
stableren“, verwandlungsfaͤhigeren bewegt sich das Organische. Nun aber 
ist es fuͤr die Entwickeluug des einzelnen Organismus charakteristisch, daß 
sie aus „instableren“ Zustaͤnden allmaͤhlich uͤbergeht in „stablere“ (sie hat 
die „Tendenz der Stabilitaͤt“). Was fuͤr die Einzelentwickelung (Ontogenese) 
zilt, gilt auch fuͤr die Gesamtentwickelung (Phylogenese). In derselben 
Weise, „als ein Mensch sich dem veraͤnderlichen Einflusse aͤußerer Umstaͤnde 
mehr entzieht, sein ganzes Vorstellungs-, Empfindungs- und Geistesleben sich 
in immer regelmaͤßigere Kreislaͤufe ordnet, oder kurz gesagt immer stabler 
wird“, ordnen sich draußen im All die chaotischen Massen wirbelnder Welt— 
nebel in immer festere Formen und festere Bahnen, bis sie schließlich die 
„stabeln“ Zustaͤnde eines regelmaͤßigen Sternensystemes angenommen haben. 
Zwischen den großen Geschicken des werdenden Weltballs aber und den 
kleinen des werdenden Menschen, da ordnen sich, denselben Gesetzen einer
	        
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