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Zahntes Kapitel. Rückblick und Ausblick

Full text: Berlin wie es war und wurde / Pastor, Willy (Public Domain)

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Nuͤckblick und Ausblick. 
Panorama, das sich heute vor uns ausspannt, wenn wir, an das Gelaͤnder 
des Kreuzbergdenkmals gelehnt, nach Norden schauen. 
Der auffaͤlligste Unterschied ist der einer gewissen Ruhe des jungen 
Berlins im Vergleich mit dem alten. Die Silhouette der alten Stadt, 
einen so kleinen Teil des Horizontes sie ausschneidet, zackt sich doch in der 
unruhigsten Weise in dieses Stuͤckchen Himmel hinein. uͤber die Zinnen 
der Stadtmauern weg recken sich die Giebel der Wohnhaͤuser, uͤber diese 
die Thuͤrme der Kirchen. Die neue Stadt weiß nichts mehr von hemmenden 
Mauern. Wohl sind ihre Wohnhaͤuser hoͤher geworden als die damaligen, 
aber sie wirken nicht so mit der breiten Flaͤche ihrer ebenen Daͤcher, die so 
ruhig gegen den Himmel hin abschneiden. Und wie wir diese Flaͤche sich 
ins Endlose hinziehen und die sie uͤberragenden Kirchtuͤrme auseinander⸗ 
draͤngen sehen, da bedarf es erst eines kleinen Rechenexempels, uns klar 
zu machen, daß die verloren hier und da aufsteigenden Tuͤrme von heute 
ja denen der alten Zeit an Zahl weit uͤberlegen sind. 
Die groͤßere Ruhe des juͤngeren Berlins gegen das alte hat etwas 
uͤberraschendes, wenn wir die Flaͤchen Raums vergleichen, die im einen wie 
im andern Falle angebaut wurden. Wie aber wird dieser Eindruck erst 
gesteigert, sehen wir dieselbe Erscheinung wiederkehren bei einem Vergleich 
der Energiemengen, die die Mauern Alt-Berlins umschlossen, und denen, 
die unsere Stadt aufsammelte! 
Wir wissen, es genuͤgt da nicht, die Koͤrperkraͤfte der noch nicht 
10 000 Berliner unter Joachim J. mit denen der Millionenstadt-Einwohner 
zu messen. Auch die Elementarkraͤfte sollen beruͤcksichtigt sein. Abgerechnet 
aber einige kuͤmmerliche Muͤhlen der maͤrkischen Haide und eine „Wasserkunst“ 
am Muͤhlendamm, deren Hauptzweck darin bestand, Wasser in alle Teile des 
Schlosses zu leiten, wußten sie hinter den Mauern nichts von der Brauch— 
barkeit der elementaren Kraͤfte. Nicht hundert-, sondern tausendfach staͤrker 
sind die Kraͤfte der neuen Stadt. Und diese auf einem verhaͤltnismaͤßig 
so kleinen Gebiet zusammengepreßten Gewalten, um wieviel ruhiger ordnen 
und fuͤgen sie sich ineinander! Die wenigen Menschenkraͤfte der Stadt zu 
regieren mußte Joachim die schlimme Justiz des Mittelalters in ihrer 
ganzen Grausamkeit ausuͤben. Er mußte blutige Kriege gegen den Raub— 
adel fuͤhren, das weitere Stadtgebiet zu beschuͤtzen. Und doch gelang ihm, 
trotz aller Thatkraft und aller Begabung, in seiner kleinen Stadt nur un— 
vollkommen, was uns in der großen heute so spielend gluͤckt. Wie ist dies 
Wunder moͤglich? 
Es ist kein Wunder, es ist die schlichte Ausfuͤhrung eines schlichten 
Bedankens. Und diesen Gedanken faßte man in eben jener Zeit, in der
	        
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