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Gedenkrede für Walther Rathenau

Full text: Zum Gedächtnis an Walther Rathenau / Rathenau, Walther (Public Domain)

Fachkundiger, gewandter und psychologisch feinsinniger Unterhändler in 
internationalen Wirtschaftsfragen, und er war nicht minder ein gedanken- 
tiefer politischer Ideologe.. Aber allzusehr liebte er es, sowohl Staat wie 
Wirtschaft gleich wie ein Ingenieur oder ein Architekt anzusehen, der 
diese historisch und organisch gewachsenen Dinge nach ähnlich festen 
rationalen Plänen formen zu können meinte, nach denen man ein Unter- 
nehmen aufbaut. Sein tiefberechtigter Kampf gegen jenen in Deutschland 
üblichen Historismus und Unglauben an die Formbarkeit der Geschichte 
durch Vernunft und Willen führte ihn hier häufig in ein entgegengesetztes 
Extrem, Halb wie ein utopischer Sozialist, ein Fourier, Saint-Simon, Owen, 
(halb so wie es möglich nur wäre in einem aufgeklärten absoluten Despo- 
tismus oder bei analoger Dauerdiktatur einer kleinen Anzahl von Sach- 
kundigen), sah er nach meiner Meinung in erheblicher Überschätzung des 
vernünftigen Einzelwillens des Menschen die geschichtlichen Dinge des 
Staates und der Wirtschaft an. Nur aus dieser seiner Grundhaltung heraus 
lassen sich seine planwirtschaftlichen Ideen, sein Kampf gegen den Luxus, 
seine Forderung einer geordneten Bedürfniswirtschaft, seine großangelegten 
Pläne über die Zusammenlegung von Betrieben, seine Wünsche nach 
weitgehender Ausschaltung des selbständigen kaufmännischen Kleinhandels, 
die ihm soviel Haß eintrugen, voll verstehen. Worin bestand aber dann 
diese seine Art Demokratie, der er sich schon vor dem Kriege mehr und 
mehr zuneigte und die seit dem Buche „Von kommenden Dingen“ auch 
in seinen Schriften in der Tat einen immer größeren Raum einnimmt? 
Sie bestand, wie mir scheint, in zweierlei, und nur darin: Einmal in der 
in ihm nur langsam wachsenden Überzeugung, daß die steigende Durch- 
dringung von Adel, Armee und Großbürgertum im wilhelminischen Zeit- 
alter beide deutsche Führerschichten tiefgehend geschwächt habe und 
daß aus vielen Ursachen, wie er sie in dem Buche „Von kommenden 
Dingen“ genau erörtert, diese Führerschichten nicht mehr fähig seien, in 
Deutschland allein zu führen, ferner daß die negative Opposition der 
Sozialdemokratie zusammenwirkend mit dieser Durchwachsung der beiden 
Schichten alles selbständige politische Denken und Interesse des deutschen 
Bürgertums in der Wurzel zerstört habe, und daß aus diesem Grunde 
neue Eliten von Führerschaften aus anderen Volksschichten heraus und 
besonders aus der Jugend, auf die er seine ganze Hoffnung setzte, sich 
zu bilden hätten. Das heißt, Demokratie war für Rathenau nur zweierlei: 
Erstens ein Übergang und zweitens die Voraussetzung eines besseren 
Selektionsmodus und ein Erziehungsmittel für neue Führerschaften. Nur 
in diesem letzten Sinne trat er auch für die steigende Parlamentarisierung 
des Staates, für ein neues Wahlrecht für den preußischen Landtag und 
für die Beseitigung des alten Obrigkeitsstaates ein. Daß man bei einer 
so großen Anzahl tat- und verantwortungsscheuer bloßer Gesinnungs-
	        
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